Nähe und Ferne

„Nähe und Ferne“ ist Titel der Lesereihe, in der Düsseldorfer Literaturveranstalter gemeinsam Literatur mit einem Heine-Bezug präsentieren. „Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt, und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Muthe“, schreibt Heine 1826 in seinem Reisebild „Ideen. Das Buch Le Grand“.
Im Juni 2012 sollen Autorinnen und Autoren eingeladen werden, die wie Heine der Ortlosigkeit nachgehen und öffentliche wie private Hintergründe des aktuellen Motivs in neuer Literatur thematisieren. Gesellschaftlich-politische Umbruchszeiten, wie sie Heines Exil veranlasst haben, finden sich heute gespiegelt in der deutsch-deutschen Geschichte, aber auch in der modernen Arbeitswelt: So erzählt Inka Parei in ihrem neuen Roman „Die Kältezentrale“ von einer verzweifelten Suche nach Orientierung, Peggy Mädler hinterfragt in ihrem Buch „Die Legende vom Glück des Menschen“ staatlich verordnete Glücksvorgaben und Thomas Melle dokumentiert das Strudeln zweier junger Männer in der überhitzten Konsumgesellschaft.

Mittwoch, 20. Juni, 19.30 Uhr
Inka Parei, "Die Kältezentrale"
Heinrich-Heine-Institut, Bilker Straße 5, Düsseldorf
Eintritt: 6,-/4,- €
Berlin 2006: „Eigentlich wusste ich das alles, aber dieses Wissen war nicht erreichbar, die richtigen Worte dafür weggeschwemmt“. Ereignisse weniger Tage im Mai 1986 in Ostberlin will der Protagonist von Inka Pareis neuem Roman „Die Kältezentrale“ rekonstruieren, hat er doch in den achtziger Jahren im Gebäude des „Neuen Deutschland“ als Handwerker gearbeitet und später die DDR verlassen. Aber die Erinnerung nach 20 Jahren erweist sich als unzuverlässig, die Orientierung ist verloren und selbst der Sprache kann er nicht mehr vertrauen. War ein aus der Ukraine kommender Lastwagen verstrahlt? Und warum erscheint der Tod eines Kollegen, an dem er sich die Schuld gab, zweifelhafter denn je?
Mit geradezu kriminalistischer Spannung erzählt Inka Parei in klarer präziser Sprache von einer deutsch-deutschen Vergangenheit.

Inka Parei wurde 1967 in Frankfurt a. M. geboren und lebt seit 1987 in Berlin. Für ihre Romane Die Schattenboxerin und Was Dunkelheit war erhielt sie u.a. den Hans Erich Nossack-Preis und den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2009 wurde sie mit dem Heinrich-Heine-Stipendium ausgezeichnet

Donnerstag, 26.Juli, 20.00 Uhr
Thomas Melle, "Sickster"
Kulturzentrum Zakk, Fichtenstraße 40, Düsseldorf
Eintritt: 6,-/4,- €
Zwei junge Männer stehen an vorderster Front einer überhitzten Konsum- und Leistungswelt – und halten stand, bis die Beschleunigung ihr Leben erfasst, überwuchert. Der idealistische Magnus Taue schreibt für das Kundenblatt eines Ölkonzerns, fühlt sich als Loser und hasst seine Arbeit mit der Wut eines Schläfers. Thorsten Kühnemund, Manager und Macho, leidet insgeheim am erfolgreichen Hochglanzleben voller Druck und Alphatierneurosen, er betäubt sich mit Alkohol, schnellem Sex und Abstürzen im molochartigen Clubbing der Stadt. Aus Schulzeiten bekannt, freunden die beiden sich zögerlich an. Doch als es Thorstens Freundin Laura zu Magnus hinzieht, brechen die Fassaden ein, alle drei strudeln ins Haltlose.
Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin. Mit Stücken wie Haus zur Sonne (2006) und Das Herz ist ein lausiger Stricher (2010) gehört er zu den wichtigsten jungen deutschen Theaterautoren. Er übersetzte William T. Vollmann und war mit dessen Roman Huren für Gloria für den Übersetzungspreis der Leipziger Buchmesse 2006 nominiert. 2007 erschien Thomas Melles vielbeachtetes Prosadebüt, der Erzählungsband Raumforderung, für den er 2008 den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis erhielt. Thomas Melle lebt in Berlin.

Mittwoch, 8. August, 19.30 Uhr
Peggy Mädler, "Legende vom Glück des Menschen"
Literaturbüro NRW. Bilker Straße 5, Düsseldorf

Eintritt: 7,-€/5,- € (für diese Veranstaltung gilt auch die Festivalkarte des Literarischen Sommers www.literarischer-sommer.eu)„Vom Glück des Menschen“ heißt ein Fotoband aus dem Jahr 1968, den die Erzählerin Ina Endes im Nachlass ihres Großvaters findet. Ein Propagandabildband aus DDR-Zeiten, der einen Katalog der Glücksformeln für den linientreuen sozialistischen Menschen auflistet.

Regeln und Vorschriften, um glücklich zu werden – kann das funktionieren? Fünfzehn Jahre nach der Wende rekonstruiert die Erzählerin anhand von Familienfotos und anderen Fundstücken aus dem Nachlass ihrer Großeltern, deren Leben in Geschichten und kleinen Begebenheiten zu rekonstruieren. Dabei ersetzt Peggy Mädler je ein Kapitel aus dem Bildband mit Episoden aus ihrer Familiengeschichte – „Legenden“, nennt sie die ersetzten Kapitel, weil ihr die Erinnerungen der Beteiligten an den entscheidenden Stellen konstruiert erscheinen. So entstehen die „Legende vom Glück der Arbeit“, Die Legende vom Glück des Miteinanders oder „Die Legende vom Glück des Lernens“. Peggy Mädler stellt die Frage nach der Möglichkeit von Erinnerung, die – so eine Figur des Buches – Feind der Geschichte sei, ebenso wie die Geschichte Feind der Erinnerungen.

Peggy Mädler wurde 1976 in Dresden geboren. Sie lebt in Berlin und arbeitet als freie Dramaturgin (u.a. am Theater Rudolstadt, Maxim-Gorki-Theater Berlin, ab März 2011 in Heilbronn). Sie ist Mitbegründerin des Künstlerkollektivs »Labor für kontrafaktisches Denken«. Bisher erhielt sie ein Promotionsstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung, ein Autorenstipendium des Künstlerdorfs Schöppingen und das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. Legende vom Glück des Menschen ist ihr erster Roman.

 

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