75 Jahre Bücherverbrennung

Am 10. Mai 1933 wurden in ganz Deutschland Bücher verbrannt. Ins Feuer geworfen wurden Werke von Autoren, die den Nationalsozialisten aus den unterschiedlichsten Gründen nicht genehm waren - Bücher von Juden, Pazifisten, Sozialisten, Angehörigen der künstlerischen Avantgarde. In Düsseldorf war es schon die zweite Verbrennung, die erste hatte einen Monat zuvor, am 11. April, vor dem Planetarium (heute Tonhalle) stattgefunden.

Das Literaturbüro NRW hat auf verschiedene Weise an diese Untaten erinnert. Im und mit dem zakk haben wir eine Veranstaltung ausgerichtet, auf der der Schauspieler Bernt Hahn aus verbrannten Büchern las; in der „Nacht der Poeten“, der zentralen Veranstaltung des Bücherbummels auf der Kö, übernahm Mario Adorf diese Aufgabe. Die Texte ausgewählt und die Veranstaltungen moderiert hat Michael Serrer.

Außerdem haben wir Persönlichkeiten aus dem Kulturleben der Landeshauptstadt gebeten, in der „Rheinischen Post“ jeweils ein verbranntes Buch vorzustellen, das ihnen besonders wichtig ist. Dieser Bitte sind sehr viele gefolgt, so dass zwischen dem 11. April und dem 10. Mai 2008 an insgesamt 19 Bücher mit jeweils einem Artikel erinnert wurde. Sie können diese Artikel hier nachlesen.

Autoren

Barbusse
Döblin
Ehrenstein
Feuchtwanger
Freud
Goll
Graf
Heine
Hofmann
Kästner
Keun
Mann
Marx & Engels
Pinthus
Remarque
Seghers
Sinclair
Toller
Zweig

Barbusse: Neuer Antikriegsroman

Henri Barbusse hat sich bereits mit einem Gedichtband und zwei Romanen einen Namen gemacht, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Trotz eines Lungenleidens meldet er sich freiwillig an die Front. Bereits Ende 1915 erscheint sein Kriegsbuch "Le Feu" (deutsch: "Das Feuer. Das Tagebuch einer Korporalschaft"). Das Buch wurde sein größter Erfolg, mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, und in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Es gilt als der erste pazifistische Roman über den Ersten Weltkrieg. Henri Barbusse schildert chronologisch, über mehrere Monate hinweg, die Erlebnisse einer französischen Einheit - den Kriegsalltag und die damit einhergehenden psychischen und physischen Veränderungen der Kameraden. Neben den Schilderungen der sinnlosen Grausamkeiten des Krieges stellen sich ihm auch immer wieder die Fragen nach dem ,warum' und dem Verhältnis von abstrakter Macht und individueller Kriegsgeschichte. "Das Feuer" bedeutet eine neue Art des Kriegsromans. Man wird in dem folgenden halben Jahrhundert in allen Kultursprachen Kriegsromane jeglicher Art schreiben... - bei aller Verschiedenheit untereinander werden sie die eine Gemeinsamkeit besitzen: "von Barbusse gelernt zu haben". (Victor Klemperer)

Antje Westermann ist Geschäftsführerin der Buchhandlung BiBaBuZe.

Döblins "Berlin Alexanderplatz"

Barbarisch, wer Bücher verbrennt. Schmerzlich die zeitliche Nähe und dass es mitten unter uns geschah. Daran zu erinnern tut not. Warum traf es Franz Biberkopf? - frage ich mich und nehme Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" zur Hand. Ein großartiges Romanwerk, ganz vom berlinischen Sprachgeist und der Atmosphäre der Metropole in den 1920er Jahren durchwirkt.
Vier Jahre sitzt Biberkopf im Zuchthaus, weil er Ida, seine Braut, im Jähzorn erschlug.
Entlassen, nimmt er sich fest vor, ehrlich zu bleiben. Doch großschnäuzig, naiv und breitschultrig will er wer sein. Und durchläuft eine seltsame Karriere vom kleinen Ganoven und Zuhälter, zum zweiten Portier in einer großen Fabrik. Bevor er sein Ziel erreicht, verliert er einen Arm, weil ein Neider aus dem Milieu ihn aus einem fahrenden Fluchtauto stößt. Der nimmt dem Luden Franz auch gleich die Geliebte und tötet sie. Biberkopf kommt in die Irrenanstalt. Doch am Ende wird er "helle", wie es in Berlin heißt, wähnt sich in seiner Pförtnerloge wohlgeordnet und hat doch nichts verstanden.
Solche wie Franz B. verkörpern den Prototyp des Mitläufers. Mag sein, dass die nationalsozialistischen Machthaber nicht ins wahre Gesicht ihrer Wähler sehen wollten und den Roman deshalb verfemten. Sicherlich aber war ihnen die grandiose Collagetechnik Döblins ein Dorn im Auge. Einer wie Franz hätte den Demagogen nach dem Maul geredet. Darum empfiehlt es sich, seine Geschichte aufmerksam zu studieren - denn zu lesen schadet bekanntermaßen der Dummheit am meisten.

Joachim Erwin ist Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf

Albert Ehrenstein "Tubutsch"

"Mein Name ist Tubutsch, Karl Tubutsch. Ich erwähne das nur deswegen, weil ich außer meinem Namen nur wenige Dinge besitze..."
So der prophetische Anfang von Ehrensteins gleichnamiger, stark autobiographischer Erzählung aus dem Jahr 1911 (illustriert von O.Kokoschka), die seinen Durchbruch als Autor begründet. Prophetisch nicht zuletzt deswegen, weil Ehrenstein 39 Jahre später im Armenhospital von New York sterben wird.
In "Tubutsch" sucht ein zerrissenes Ich Ausdruck in expressionistischen Bildern als Synonym für das Groteske und das Sinnlose der Welt. Und selbst der Tod kann nach Ehrensteins alter Ego für sich keine Größe mehr beanspruchen. "Wie, wenn der Tod mir zu Possen eine adäquate Rolle spielen wollte? Mich enttäuschte...ich sehe ihn als Kondukteur, der meinen Fahrschein einzwickt, für ausgenützt erklärt, nicht warten will bis zur nächsten Haltestelle, mich zum aussteigen drängt." 1933 werden Ehrensteins Bücher in Deutschland verbrannt. Tubutsch, der 1946 in amerikanischer Übersetzung erscheint, bleibt in Deutschland, wie die anderen Erzählungen auch, zunächst ohne Neuauflage. Es ist ein Verdienst des Wallstein Verlages, das Werk Albert Ehrensteins, diesen Klassiker des Expressionismus, in einer kompletten Werkausgabe in den letzten Jahren zugänglich gemacht zu haben.

Selinde Böhm ist Mitinhaberin der Literaturhandlung im Heine Haus.

Explosive Sprache: Lion Feuchtwanger

Sein Name wurde mir durch den Film "Jud Süß" zu einem Begriff, als sein gleichnamiger Roman während des Krieges von den Nazis zu propagandistischen Zwecken missbraucht wurde. Leider ließ sich der Roman nicht beschaffen, doch war mein Interesse an dem Autor geweckt. Den lernte ich dann später durch die Romane "Goya" und mehr noch durch "Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch" kennen. Die "Häßliche Herzogin" hat mir dann darüber hinaus auch den Zugang zur expressionistischen Literatur eröffnet, die mir bis dahin fremd geblieben war. Welche Kraft steckt in Feuchtwangers explosiver Sprache! Und wie viele historische Informationen werden durch seine Detailbesessenheit vermittelt! Zwar ist seine Prosa durchaus gewöhnungsbedürftig. Doch nachdem ich mir Geduld verordnet und mich auf sie eingelassen hatte, wurde mir die Lektüre seiner Romane zum literarischen Genuss. Geboten werden keine chronologischen Abläufe, sondern hochinteressante Psychogramme der historisch beteiligten Protagonisten. Wer also mehr über das Funktionieren mittelalterlicher Politik wissen möchte, der lese "Die häßliche Herzogin", wer Spanien zur Zeit der Inquisition kennen lernen möchte, der wende sich dem Roman "Goya" und überhaupt dem "verbrannten Dichter" Lion Feuchtwanger zu.

Klas Ewert Ewervyn (78) ist Schriftsteller.

Sigmund Freud: "Traumdeutung"

Freud hatte seine "Traumdeutung" vordatiert. Obwohl das Buch im Herbst 1899 erschien, stand im Impressum 1900 - er wollte, dass das 20. Jahrhundert im Zeichen der Psychoanalyse stünde. Den vielen kränkenden Ent-Täuschungen, die das menschliche Selbstwertgefühl erlitten hatte, fügte der gebildete Doktor eine weitere hinzu. Kopernikus hatte gezeigt, dass sich das Universum nicht um die Erde und den Menschen dreht; Darwin, dass wir Ebenbilder Gottes aufs Engste verwandt sind mit den Affen; Marx, dass es in der Geschichte kaum um hehre Ideale geht, sondern schlicht um materielle Interessen.
Und nun sollte man auch noch Freuds These akzeptieren, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, dass vor allem unbewusste Triebimpulse unser Handeln bestimmen. Die Nazis, die sich ohnehin stellvertretend für alle Deutschen von der ganzen Welt gekränkt fühlten, nahmen dies nicht hin. Voll fanatischem Ressentiment versuchten sie, jegliche Aufklärung, also auch die psychoanalytische, auszurotten.
Und so wurde - zum größten Leid der Menschheit - nicht Freuds "Traumdeutung" zum Buch des Jahrhunderts, sondern Adolf Hitlers "Mein Kampf".

Michael Serrer (47) leitet das Literaturbüro NRW.

Düstere Analyse von Ivan Goll

"An Europas Körper fraß eine unheilbare Krankheit. Der Krieg hatte Millionen Existenzen entwurzelt, die nicht mehr in die Normalität bürgerlicher Existenz zurückkehrten" konstatierte der Historiker Waldemar Besson die Situation 1926. Die Diagnose dieser Zeitkrankheit ist Thema des Romans "Die Eurokokke", die der Lyriker, Kunstkritiker, Prosaschriftsteller und Übersetzer Ivan Goll 1927 zunächst auf Deutsch und fünf Jahre später in französischer Sprache veröffentlichte. Der im Roman beschriebe Verfallszustand der modernen Zivilisation korrespondiert mit dem psychischen Zustand seines Helden, der wiederum ein Stellvertreter des europäischen Bürgertums ist. Der Protagonist spürt die Auswirkungen des Bazillus am eigenen Leib in Form einer Lebensmüdigkeit, die seine alltäglichen Handlungen begleitet. Gottlosigkeit, Werteverlust und Langeweile heißt die Epidemie, von der die Menschheit zerfressen wird. Klarsichtig hat Goll vorausgesehen, wohin ein solcher Geisteszustand führt. Anstelle von Individuen trifft sein Held auf eine Masse Mensch, die "wie Gallert schwarz über die Boulevards" rann. Mit solchen Thesen gehörte "Die Eurokokke" für die Nationalsozialisten auf den Scheiterhaufen, und es ist anzunehmen, dass bei der Verbrennung der zweite der neun so genannten Feuersprüche erscholl: "Gegen Dekadenz und moralischen Verfall!"

Maren Jungclaus (38) arbeitet im Literaturbüro NRW.

Oskar Maria Grafs Autobiografie

Als Oskar Maria Graf im Exil erfuhr, dass die Bücherverbrennung ihn übersehen hatte, forderte er in einem spöttischen Brief die Nazis auf, auch seine Werke zu verbrennen. So kam es ein Jahr später an der Münchner Uni zum erneuten Autodafé - exklusiv für seine Bücher, darunter sein Erstling, die Autobiografie "Wir sind Gefangene".
Sie beginnt, als Grafs Vater stirbt und sein ältester Bruder dessen Bäckerei sowie die Erziehung der Geschwister mit einer Brutalität übernimmt, die er beim Militär gelernt hat. Oskar flieht in die Stadt und führt ein Bohemien-Leben in ständiger Geldnot. Er wird in den Krieg eingezogen, wo er sich als vermeintlich Geisteskranker verweigern kann, kehrt zurück nach München, wo er Revolution und Räterepublik als Randfigur miterlebt, durchaus skeptisch, weil er dem naiven Idealismus nicht traut, und tatsächlich wird der Traum von Freiheit blutig zerschlagen. Graf erzählt von sich und von einer ganzen Epoche. Sein Thema ist der Drang nach Freiheit. Ein nüchtern erzähltes Buch, dramatisch und weise. Nach dem Erscheinen 1927 wurde es gefeiert und machte Graf berühmt. Und nicht nur die damalige Jugend konnte sich damit identifizieren. Als ich es fast sechzig Jahre später erstmalig las, war ich einfach hingerissen.

Horst Eckert, 48, ist Kriminalschriftsteller.

Heinrich Heines "Buch der Lieder"

Während der Arbeit am Heine-Monument geriet manches in den Blick: Daten, Dichtung, Legenden, auch das "Buch der Lieder". Erinnerung aus Kindertagen: eine Familie im Verdacht jüdischer Abstammung, und im Küchenschrank unter den Frühstücksbrettern lag das "Buch der Lieder" versteckt, in der Wohnung durfte es nicht gefunden werden; die Mutter las daraus vor, und wenn es an der Tür klopfte, verschwanden die Verse wieder, und das Hitler-Konterfei war rasch an die Wand als Haussegen gehängt - weil keiner wusste, wer klopfte.
Verquere Wirklichkeit. Da gab es Worte, die, geliebt und ausgesprochen, einen gefährdeten, und Bilder, die gehasst, ins Blickfeld gehängt, einem Sicherheit versprachen. Irgendwann in einer Bombennacht meinte die Mutter: "Den Heine haben sie schließlich auch verbrannt". Es war aber das "Buch der Lieder" gemeint, doch am Morgen lag es wieder unter den Frühstücksbrettern, unverbrannt, unter den Küchengerätschaften wie ein Lebensmittel, es war wohl auch ein Über-Lebensmittel der Seele.
Bei der Arbeit am Heine-Monument 1980 geriet das "Buch der Lieder" aus dem Küchenschrank der Erinnerung in das Denkmal - jedermann sichtbar, in Bronze gegossen, mit dem Jugendbildnis Heines geschmückt, ohne ein Raub der Flammen werden zu können.

Bert Gerresheim, Künstler, gestaltete das Heine-Denkmal am Schwanenmarkt.

Beer-Hofmanns "Der Tod Georgs"

"Der Tod Georgs" ist der einzige Roman des Wiener Fin de Siècle-Autors Richard Beer-Hofmann. Der junge Protagonist Paul verliert seinen engsten Freund Georg durch dessen plötzlichen Tod und verirrt sich selbst in einem Netz aus Träumen und Visionen. In bildreicher Sprache und Symbolik, die ebenso orgiastisch ist wie die geträumten Tempelszenen, reflektiert Paul das Altern und Sterben. Bei Herbstspaziergängen denke ich manchmal an seine Betrachtung der herabgefallenen Blätter: "Braun und hart geworden lagen sie auf dem Weg, (...) feindselig, wie ein Sterbender sich von allem Leben abwendet, rollte sich jedes Blatt von den beiden Rändern her gegen die Mitte zusammen, als wollte es von nichts mehr wissen; in sich verschlossen gegen alles, was noch kam." Pauls eindringliche Auseinandersetzung mit dem Tod führt ihn am Ende ins reale Leben zurück, indem er sich als Teil eines Ganzen empfindet - vielleicht ist aber auch das eine vorübergehende Täuschung. "Der Tod Georgs" ist Jugendstil-Literatur und Kritik am reinen Ästhetizismus zugleich: ein Widerspruch, ähnlich Hofmannsthals keineswegs schweigendem Verstummten, Lord Chandos. Ein reizvolles literarisches Experiment, für die Nazis dekadent.

Heike Funcke (35) arbeitet für das Literaturbüro NRW, Schwerpunkt: Kinder- und Jugendbuch.

Erich Kästner: "Der 35. Mai"

Der junge Konrad soll einen Aufsatz über die Südsee schreiben. Aber die Südsee ist weit und Wikipedia noch nicht erfunden. Phantasie ist gefragt. Aber daran mangelt es Konrad. Zum Glück hat er einen Onkel. Mit diesem Onkel trifft er auf das Pferd Kaballo, und zu dritt bereisen sie die Welt, das Schlaraffenland, besuchen die großen und kleinen Herrscher aus den Geschichtsbüchern, sehen Elektropolis, die vollautomatische Stadt, spazieren über den Äquator, und in der Südsee landen sie natürlich auch.
Der Onkel, das Pferd, der Weg durch den Dielenschrank, alle zusammen ergeben einen prima Aufsatz, einen, der stolz macht, vor allem den Onkel. Erich Kästner, mein allerliebstes Vorbild, dieser Phantasiereiter aus Dresden, hat dieses Buch geschrieben, jenes vom 35. Mai, an dem das Unmögliche mit einem Schritt durch die Sonntagswäsche zu erreichen ist. Er schreibt vom täglichen Unsinn mit sinnhafter Freude.
Taschentelefone zum Beispiel sagt er voraus und dreht die Welt so um sich selbst, dass einem schwindlig wird. Dieses Buch ist subtil und gewitzt und war viel zu schlau für die Herren der tausendjährigen Denkverbote. Die haben es dann auch gleich verbrannt. Vielleicht aus Furcht vor dem Fluchtweg durch den Schrank? Holen wir es aus dem Feuer und freuen wir uns an Erich Kästner samt Dielenschrank und Petersilie!

Martin Baltscheit (1965 in Düsseldorf geboren) ist Comiczeichner, Illustrator und Schriftsteller.

Irmgard Keun - eine von uns

Irmgard Keun war eine, die mit ihren Figuren lebte und dachte, und deren Romane deshalb nah am Leben sind. Die Nazis sahen darin vor allem eins: "Asphaltliteratur" - ein Urteil, das zutrifft, allerdings im allerbesten Sinne des Wortes.
Als die Nazis ihre Bücher verbrannten, hat sich Irmgard Keun so verhalten wie ihre junge Heldin in dem 1931 erschienenen Roman "Gilgi - eine von uns": unerschrocken und selbstbewusst, lebenshungrig und vielleicht nicht immer korrekt. Bevor sie ins Exil geht und mit Joseph Roth in vielen Städten Europas ihren Kummer ertränkt, bevor sie nach Köln 1940 mit falschen Papieren zurückkehrt und dort den Krieg überlebt, macht Keun etwas Unglaubliches: Am 29. Oktober 1935 meldet sie beim Landgericht Berlin Schadensersatzansprüche an. Schließlich habe die Geheime Staatspolizei im Juli 1933 ihre Bücher beschlagnahmt, ohne Gerichtsurteil, weshalb sie nun verlangt, ihr das Armenrecht zu gewähren. Ein starkes, halsbrecherisches Stück. So riskant und ungeschützt, wie auch Gilgi und an andere junge Frauen ihrer frühen Bücher leben. Natürlich verhaftet man Keun. Vom Vaterland wird sie bedroht, vom Vater gerettet. Der kaufte sie bei der Gestapo frei - für 200 000 Euro. Im Gegensatz zu ihren Romanen bot diesmal die Wirklichkeit ein kleines Happyend.

Lothar Schröder (45) ist Kulturredakteur der Rheinischen Post.

Klaus Mann - der Lebensmüde

Der stark autobiografische Roman "Treffpunkt im Unendlichen" aus dem Jahr 1932 handelt vom Leben einer verlorenen Generation am Ende der Weimarer Republik, unfähig zur Liebe und zu echten Gefühlen. Die Hauptfiguren Sonja, Sebastian - eine Selbstabbildung - und Froschele treiben als hedonistische Bohème durch Bars, Theater und Kabaretts, lebenshungrig und lebensmüde zugleich. Eine Annäherung gelingt ihnen nicht, ihr Parallelsein löst sich erst beim Treffpunkt im Unendlichen auf - der Tod als pessimistische Lösung für die Sehnsucht nach Vereinigung. Die Figur des Richard wählt in einem Hotelzimmer an der Riviera den Freitod - eine literarische Vorwegnahme des eigenen Suizids. Der Völkische Beobachter diffamierte Klaus Mann massiv, nannte sein Drama "Geschwister" das Erzeugnis einer "höchstüberflüssigen Gesellschaft seelisch und geistiger Krüppel, für die sich höchstens der Psychiater interessiert".
Klaus verbrachte sein Leben als eine den Tod ästhetisierende ruhelose Suche - auch nach dem "unerreichbaren Vater", der anlässlich der Geburt notierte: "Eine Fortsetzung und Wiederbeginn meiner selbst unter neuen Bedingungen". Thomas Manns Fazit: "Er starb gewiß auf eigene Hand und nicht, um als Opfer der Zeit zu posieren. Aber er war es in hohem Grade."

Georg Aehling (56) ist Verleger(Edition XIM Virgines) und Studiendirektor.

Das Manifest von Marx und Engels

Ein Gespenst ging um in Europa. Als das kommunistische Manifest im Februar 1848 in London erschien, war die Zeit abermals reif für Barrikadenkämpfe und gegen die herrschende Klasse. Natürlich missfiel das im Folgejahrhundert auch den Nazis, und es scheint fast selbstverständlich, dass das Manifest zu den ersten Werken der großen Literatur zählte, welche die NS-Funktionäre auf die verbotenen Listen setzten. 1933 wurde es bei kaum einer der Bücherverbrennungen vergessen. Sogar seine Vertonung, 1932 vorgenommen durch den Prager Musiker Erwin Schulhoff (1894-1942), galt als "entartete Musik". Der Komponist wurde in einem KZ ermordet. Heute hat das Manifest 160 Jahre auf dem Buckel und ist mehr ein Zeitdokument aus der Frühphase der Industrialisierung. Galt eigentlich doch "Das Kapital" als Marx´ Hauptwerk zur Theorie des Sozialismus schlechthin, so erfreute sich das Manifest meistens größerer Beliebtheit, wohl auch wegen seiner auffallenden Kürze von rund 30 Seiten! Als ich es las, war ich 16 und hatte lange Haare. Weil mir mein "Manifest" in seiner gelben Reclam-Ausgabe irgendwie unpassend vorkam, nahm ich einen Filzstift und bemalte es rot. Marx zu lesen, war schließlich kein Spaß, aber ein jugendliches Bekenntnis.

Bastian Fleermann (29) ist Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte.

Dem Bürger fliegt's vom spitzen Kopf

Das merkwürdigste, verrückteste, schönste Gedicht des Expressionismus ist für mich das "Weltende" von Jakob van Hoddis. Mit dessen berühmten Anfangszeilen "Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,/ In allen Lüften hallt es wie Geschrei" leitete Kurt Pinthus 1919 seine "Menschheitsdämmerung" ein, die bekannteste Sammlung expressionistischer Lyrik.
Faszinierend ist das dichte Nebeneinander noch heute großer Namen, zu denen in Else Lasker-Schüler nur eine einzige Frau zählte. Pinthus (1886-1975), selbst kein Dichter, war Lektor und Kritiker, Freund und Förderer der Expressionisten. Er wurde ihr publizistischer Propagandist und setzte ihnen mit Gespür für das Ende des expressionistischen Jahrzehnts ein Denkmal. Unter den programmatischen Zwischentiteln "Sturz und Schrei", "Erweckung des Herzens", "Aufruf und Empörung" und "Liebe den Menschen" stellte er eine Dichtung vor, die "ganz Eruption, Explosion, Intensität ist". Grundiert, so schrieb er im Vorwort, war die expressionistische Lyrik von der "Hoffnung auf den Menschen" und dem "Glaube an die Utopie".
Pinthus musste 1937 in die USA emigrieren, van Hoddis wurde 1942 von den Nazis an unbekanntem Ort umgebracht.

Karin Füllner (55) ist Mitarbeiterin am Heinrich-Heine-Institut und Lehrbeauftragte der Heine-Uni.

Rechnet mit Krieg ab: Remarque

Wenn man die knapp 300 Seiten von "Im Westen nichts Neues", einem mit dem Elend des Ersten Weltkrieges abrechnenden Roman, verschlingt, geschrieben von einem hinreißend knapp erzählenden 30-jährigen Autor aus Osnabrück, denkt man: Danach nie wieder Krieg! Das Leben der 18- bis 20-jährigen jungen Männer, Haupthelden dieser Anklage von Erich Maria Remarque aus Bericht und Empathie, darf nicht im Schützengraben, im Lazarett, nicht mit Amputation oder grausamem Sterben enden. Der Mensch, zum Tier degradiert, soll nie wieder auf solche Weise den Interessen von Macht und Ohnmacht der Länder geopfert werden. Zählt das Individuum nichts mehr? Der Tod des Ich-Erzählers Paul Bäumer war jedenfalls keine Erwähnung wert. Es heißt im Gegenteil am Schluss: "im Westen sei nichts Neues zu melden".
Literatur beschreibt und warnt, aber ändert kaum etwas, ja wirkt vergeblich. Wenige Jahre nach dem Erscheinen dieses Romans aus Widerstand und Humanität setzten in Deutschland neue Kriegsbemühungen mit noch gewaltigeren Folgen für Leib und Leben von Millionen von Menschen ein. Lernen wir nichts hinzu? Über die Emigration im Paris der Nazizeit erzählt dann Remarques erfolgreiches Buch "Arc de Triomphe" direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch dieser Roman hat es wahrlich in sich.

Jopseph Anton Kruse (64) leitet das Heinrich-Heine-Institut und ist seit 1986 Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität.

Seghers: Aufstand der Fischer

Ihr erstes Buch machte in der Weimarer Republik Furore und wurde mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Gelobt wurden die eindrucksvollen Bilder mit denen sie die sozialen Konflikte schilderte. Für die Veröffentlichung wählte Netty Reiling ein Pseudonym. Schon bald entbrannte eine Diskussion, wer die Erzählung verfasst haben könnte. Einer Frau wurde diese kraftvolle Sprache nicht zugetraut. Später wurde Anna Seghers der Kleist-Preis wieder aberkannt, das Buch als "unbrauchbare Prosa" diffamiert. Hintergrund war ihr Engagement für die Arbeiterbewegung und gegen den aufkommenden Faschismus.
Im Buch geht es um die gesellschaftlichen Verhältnisse der Fischer von St. Barbara auf der imaginären Margareteninsel. Die Fischer sind unzufrieden, ihr Anteil am Fang reicht nicht zum Leben. Johann Hull, die Hauptperson des Buches, unterstützt sie bei der Vorbereitung eines Streiks, der allerdings scheitert und zu schlechteren Arbeitsbedingungen führt. Unsentimental und prägnant schildert sie den Konflikt mit allen seinen Widersprüchen.
Als Schriftstellerin bezog Anna Seghers immer eine klare Position, so gründete sie im Exil den Heinrich-Heine-Club. Sie bestand jedoch darauf über ihr Werk und nicht über ihre Person wahrgenommen zu werden, was sie für mich zu einer bemerkenswerten Autorin macht.

Christine Brinkmann gehört zum Kulturzentrum zakk.

Upton Sinclairs Sozialreportagen

Der Amerikaner Upton Sinclair war der Günter Wallraff des frühen 20. Jahrhunderts. Fabrikarbeiter lebten damals weitgehend ohne Rechte, ohne Pensionsanspruch und Krankenversicherung. Sinclair, ein junger Journalist aus Baltimore, wollte auf diese Missstände aufmerksam machen. Also zog er mitten hinein ins industrielle Zentrum der USA, nach Chicago. Er schaute sich die Fleisch-Fabriken genau an, traf Streikführer, Rechtsanwälte, Ärzte. Und was er herausfand, war schockierend: Arbeiter standen an den Förderbändern, obwohl sie an Tuberkulose erkrankt waren, es gab keine Toiletten, und es kam sogar vor, dass Menschen in die gewaltigen Bottiche fielen, ertranken und schließlich eingedost wurden. Um diese Fakten strickte Sinclair seinen größten Roman, der eigentlich eine literarische Reportage ist: "Der Dschungel" von 1906. Der Erfolg der ungemein spannenden Geschichte litauischer Einwanderer, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr Glück versuchten, war gigantisch. In den USA sanken die Verkaufszahlen für Fleischkonserven. Präsident Roosevelt beschimpfte den Autor und gab ganz nebenbei dem journalistischen Verfahren Sinclairs seinen Namen: Noch heute spricht man von "muckraking", was man mit "im Schmutz wühlen" übersetzen kann. "Der Dschungel" wurde zum Klassiker der sozialkritischen Literatur, übersetzt in 30 Sprachen. Sinclair war ein Star, er wühlte weiter und bekam einige Jahre später den Pulitzerpreis.
Die Regierung ließ Sinclairs Bericht prüfen, und als er sich bestätigte, kam bald das erste Gesetz, das die Qualität der Fleischkonserven sichern sollte. Für die Arbeiter änderte sich nichts. Sinclair sagte: "Ich zielte auf das Herz der Amerikaner, aber ich traf sie nur in den Bauch."

Philipp Holstein ist Kultur-Redakteur der Rheinischen Post.

Ernst Toller, der Pazifist

Er war gefährlich für die Mächtigen, weil er unbestechlich war, überzeugt von der Notwendigkeit anständigen Handelns. Er wurde geliebt und gehasst, ein expressionistischer Schriftsteller, charismatischer Redner, der den Krieg erlebt hatte und Pazifist wurde. Ein leidenschaftlicher Mensch, undogmatischer Sozialist, der in keine Partei passte, überzeugt, dass politisch sinnvolle Veränderungen gewaltlos durch die Wandlung jedes Einzelnen auf den Weg gebracht werden können. Die Kraft zum Leben kommt aus der Kraft zum Traum, den man verwirklichen will, so Ernst Toller. Er hielt viel von den Möglichkeiten des Menschen, sich zum Besseren hin zu entwickeln. Rastlos tätig war er selber, Mitbegründer der Münchener Räterepublik, verurteilt zu fünf Jahren Festungshaft, während seine Theaterstücke ihn weltberühmt machten. 1933 war er auf Lesereise im Ausland, als die Bücher brannten. Noch im selben Jahr hielt er auf dem internationalem PEN-Kongress in Ragusa eine furiose Rede, forderte eine humanistische Front gegen den Ungeist der Nazis: Wer glaubt, dass neben der Gewalt auch moralische Gesetze das Leben regieren, darf nicht schweigen. Er schwieg nicht, hielt Reden gegen den Faschismus, klärte auf, sammelte Gelder und organisierte Fluchthilfen für Kollegen, war Ansporn und Vorbild. 1939 nahm er sich das Leben.

Ingrid Bachér (77) ist Schriftstellerin, sie war Mitglied der Gruppe 47 und Präsidentin des PEN-Zentrums in Deutschland.

Stefan Zweigs "Sternstunden"

"Sternstunden - ich habe sie so genannt, weil sie leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen", schreibt Stefan Zweig im Vorwort seines berühmten Buches "Sternstunden der Menschheit". Geprägt von seinem Glauben an die Gestaltungskraft des Menschen zeichnet Zweig einige der bedeutendsten Momente unserer Geschichte nach: Die Eroberung von Byzanz, Friedrich Händels Komposition des "Messias", die Entstehung der "Marseillaise", den Kampf um den Südpol, die Weltminute von Waterloo, das erste Wort über den Ozean und andere.
Immer leuchtet die Geschichte auf in ihrer Bedeutung für den Einzelnen, so dicht und ergreifend erzählt, dass historische Genauigkeit zweitrangig scheint. Stattdessen erleben wir sie aus der Perspektive des Künstlers, des Entdeckers oder des Abenteurers. Als Leser nehmen wir Teil an den Höhen und Tiefen eines Schaffensprozesses oder einer historischen Minute, erfahren die unmittelbare Wirkung eines Triumphs oder Scheiterns. Stefan Zweig verdichtet den historischen Moment, um die innere Wahrheit und Dramatik des Geschehens erfahrbar zu machen.
Die "Sternstunden" suggerieren die Einmaligkeit dieses Augenblicks: "Was ansonsten gemächlich nacheinander und nebeneinander abläuft, komprimiert sich in einem einzigen Augenblick, der alles bestimmt und entscheidet"(Zweig). Ein Buch, das sich immer wieder neu zu lesen lohnt.

Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff ist Staatssekretär für Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen

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