Metropolenschreiber

Selim Özdogan und Philipp Schiemann sind in diesem Jahr als Metropolenschreiber in europäischen Großstädten unterwegs. Selim Özdogan hat sich als temporären Arbeitsplatz im August und September die spanische Hauptstadt Madrid gewählt und Philipp Schiemann lebt und arbeitet im September und Oktober im portugiesischen Lissabon.

Eindrücke von ihren Aufenthalten können Sie hier nachlesen.

Selim Özdogan, geboren 1971, lebt und arbeitet in Köln. Seit 1995 veröffentlicht er eigene Texte, zu denen u.a. die Romane Es ist so einsam im Sattel,seit das Pferd tot ist (1995), Im Juli (2000) und Ein Spiel,das die Götter sich leisten (2002) gehören. In diesem Jahr publizierte seinen bislang erfolgreichsten Roman Die Tochter des Schmieds.

Selim Özdogan wurde 1996 mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler des Landes NRW ausgezeichnet und erhielt drei Jahre später den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis.

Philipp Schiemann wurde 1969 in Düsseldorf geboren und lebt dort als freischaffender Autor. Neben seiner Tätigkeit als Autor von Prosa und Lyrik betätigt er sich als Hörspielautor, Musiker und Filmemacher. Schiemann gilt als etablierter Nachfolger der Beat-Generation, seine literarische Auseinandersetzung gilt der Dynamisierung des modernen Lebens und seinen Abgründen. Zu seinen Veröffentlichungen gehören neben dem Roman Über Kunst (2001) und der Erzählung Suicide City (1998) auch die Spoken-Word-CDs I`m a poet (2000) und Ich gehe langsam durch die Stadt (2002). In seiner zuletzt erschienenen Erzählung Die Ghana-Briefe verarbeitet er die Erfahrung seines ersten Afrikabesuches. 2002 erhielt Philipp Schiemann dem Literaturförderpreis des Landes NRW sowie Arbeitsstipendien für Literatur in den Jahren 2003 und 2004.

Madrid I

Die Uhren gehen hier anders, heißt es schon mal, auch wenn man das dann nie wörtlich meint. In Madrid gehen die Uhren wirklich anders, zumindest die öffentlichen, die am Kirchturm zeigt eine andere Uhrzeit an, als die an der Apotheke und die wiederum eine andere als die an der Bushaltestelle. Keine großen Unterschiede, aber immerhin genug um sich innerhalb von 400 Metern 8 Minuten rückwärts zu bewegen in der Zeit. Das ist ein wenig gewöhnungsbedürtig für jemanden wie mich, der selber keine Uhr trägt und sich draußen nach den weithin sichtbaren richtet, aber ein paar Minuten früher oder später machen hier tatsächlich keinen großen Unterschied. Daß die Uhren auch im üblichen Sinn anders gehen, merkt man spätestens dann, wenn man morgens gegen neun frühstücken gehen möchte, aber die fraglichen Läden alle noch geschlossen sind. Dafür haben die die großen Kaufhäuser sonntags geöffnet und das bis 21 Uhr. Der Rhythmus ist hier eben ein anderer, doch es ist schon so viel darüber und die nachmittägliche Siesta geschrieben worden, daß ich das nicht wiederholen möchte.
Die Bedeutung der Siesta wird spätestens dann deutlich, wenn man weiß, daß es den Mittagsschlaf auch zu kaufen gibt. Menschen, denen die ausgiebige Pause zwischen zwei und fünf Uhr nicht reicht, um nach Hause zu fahren, zu essen und zu schlafen, können im Zentrum für acht Euro eine Massage mit anschließenden Nickerchen bekommen.
Überall auf der Welt suchen Menschen Wege und Mittel, um Geld zu verdienen und wenn sie Schlafmöglichkeiten anbieten. Hilton ist reich damit geworden. Straßenkünstler erproben ja andere Möglichkeiten und die meisten Darbietungen kennt man aus Städten, in denen viele Touristen sind, aber hier habe ich eine Frau gesehen mit einer Vorführung, die mir neu war und die mich beeindruckt hat. Sie saß an einer Straßenecke und war über und über mit Lehm beschmiert, Kleidung, Kopf, Hände, Augen, Haare, nirgendwo schimmerte Haut oder Kleidung durch und sie konnte sich nur sehr langsam und vorsichtig bewegen, weil sonst alles abgebröckelt wäre.
Unweigerlich stelle ich mir dann vor, wie ihr die Frage gestellt wird, die ich nicht mag und die ich selber nahezu nie formuliere. Die Partyfrage, die man Menschen stellt, denen man in der Freizeit begegnet, Menschen, die gerade weitgehend frei von Zwängen sind und auf der Suche nach ein wenig Unterhaltung und Amusement, die Frage: Was machst du denn so? Und die Antwort wäre: Ich sitze über und über mit Lehm beschmiert an Straßenecken und Touristen geben mir Geld dafür. Vielleicht sage ich das nächstens einfach mal, wenn mich jemand fragt, obwohl ich mich gerade lieber über andere Themen unterhalten würde. Doch der Job ist bei den Temperaturen hier sicherlich schwieriger als in Deutschland. Viele Leute haben mir abgeraten im August hierher zu fahren, da es so unerträglich heiß sein soll. Ich habe noch nie ein Problem mit hohen Temperaturen gehabt und finde es toll, zu schwitzen ohne etwas dafür tun zu müssen. Nachmittags, wenn die Hitze gestaut ist im Beton und in den Gassen, gehe ich raus für einen Spaziergang und genieße wie sich meine Poren öffnen. Ich werde eine gute Zeit hier haben, das zeichnet sich ab. Die Viertel sehen sehr unterschiedlich aus und bieten viel Abwechslung bei den Spaziergängen und der Retiro Park ist so groß, daß ich mindestens eine Woche brauchen werde, um dort einen Lieblingsplatz zu finden.

Madrid II

Gaëtone von Thiene war ein italienischer Adliger, der 1480 geboren wurde und sein Leben als Priester Gott widmete. Er kümmerte sich vor allem um die Kranken und Armen und klagte die Sittenlosigkeit und die Ausschweifungen des Klerus an. Er war Mitbegründer des Ordens der Theatiner und wurde 124 Jahre nach seinem Tod am 7. August 1547 heilig gesprochen. In Madrid gibt es einen Kirche, die seinen spanisierten Namen trägt: Iglesia de San Cayetano. Er ist der Schutzheilige des Viertels und wird jedes Jahr an seinem Todestag mit einer Prozession geehrt. Da die Straßen schon Tage vorher festlich geschmückt waren, wollte ich mir die Prozession ansehen, die ich mir ein wenig wie ein Osterprozession in Deutschland vorstellte, nur ein wenig überladener, da man den erzkatholischen Spaniern ja nachsagt, daß sie bei Devotionalien ins Kitschige abdriften.
Was ich dann gesehen habe, hat mich überrascht. Hinter der Figur des Heiligen gingen Frauen, Männer und Kinder in traditionellen Trachten. Ihnen folgten Musiker, die ganz unheilige, tanzbare Musik spielten. Die Straßen waren voll und es erinnerte mich mehr an einen Karnevalsumzug, als an eine Prozession. Entsprechend wurde an einem kleinen Stand "limonada especial" verkauft, die eher an Sangria erinnerte als an Limonade. Die Menschen riefen "Viva San Cayetano" und ein paar Hunde waren verwirrt und verängstigst von der Menge und dem Lärm.
Auf die Prozession folgte mit Einbruch der Dunkelheit eine Art Volksfest, Straßenfest, Jahrmarkt, wie immer man es nennen möchte. So wie es in Deutschland zu solchen Gelegenheiten an großen Schwenkgrills Bratwurst und Schweinesteak gibt, Pommes und Bier, gab es Calamares, Sardinen, Chorizo, Fettgebäck in Schokolade und Bier und Sangria. Man konnte an Ständen mit Dartpfeilen auf bunte Ballons werfen oder mit Luftgewehren Preise erschießen. Auf einer Bühne interpretierten Musiker Hits, die die meisten kannten. Fiesta, ein Fest für den Heiligen, der Auschweifungen angeprangert hat.
In einer mit Girlanden, Fahnen, Lampions und Tüchern über die gesamte Breite der Gasse festlich geschmückten Seitenstraße gab es hingegen keinen Grill und der Sangria wurden auf freiwilliger Spendenbasis ausgeschenkt. Boxen waren aufgebaut und es lief Tango, der dem Klang nach zu urteilen vor vierzig, fünfzig Jahren modern gewesen sein mag. Es gab auch einige Leute entsprechenden Alters, doch auch viele, die noch jünger waren, bis hin zu kleinen Kindern, die man hier grundsätzlich noch nachts draußen spielen sehen kann. Es wurde getrunken, geredet, getanzt, gelacht, geraucht, während nur 50 Meter weiter Menschen in die Kirche gingen und San Cayetano um seinen Segen baten. Wenn das Religiöse und das Profane sich mischen, hat das eine vielleicht die Chance länger zu leben und bei letzterem wirkt das Feiern nicht wie eine erdenschwere Kompensation widriger Lebensumstände, sondern wie ein Ausdruck von Lebensfreude.

Madrid III

Nach einiger Zeit kann ich diese zahlreichen Bilder nicht mehr sehen, auf denen Jesus gerade vom Kreuz geholt wird. Und bei den moderneren Gemälden schaue ich mir lieber die ratlosen Gesichter der anderen Besucher an, anstatt angesichts einer gänzlich blauen Leinwand selber eins zu machen.
Nach einiger Zeit weiß ich, daß ich soweit bin, die Dinge zu tun, die ich in Deutschland bei diesem Wetter auch tun würde, unter anderem ins Freibad zu fahren. In der Metro gibt es zwar Fahrpläne und da steht groß, daß alle viereinhalb bis sechs Minuten eine Bahn kommt. Wenn man genau wissen möchte wann, muß man das Kleingedruckte lesen. Viereinhalb bis sechs Minuten, oder bei manchen Bussen zehn bis zwanzig, die Zeit scheint hier jeder zu haben.
Das Freibad am Lago macht erst um 11.00 Uhr auf und es gibt um diese Zeit immer eine kleine Schlange davor. Der Bademeister grüßt beim Reingehen und auch sonst ist so einiges ungewohnt. Die Liegeflächen sind klein, aber äußerst gepflegt, daneben gibt es zahlreiche Tische und Bänke wie an Raststätten, an denen zur Essenszeit viele Menschen sitzen und ihren mitgebrachten Proviant verzehren. Im Becken sind etwa so viele Querschwimmer wie Längsschwimmer.
Man sagt Südländer ja immer gerne nach, daß sie temperamentvoll und laut sind, doch nicht nur hier, sondern auch auf den Spielplätzen haben ich immer den Eindruck, daß spanische Kinder weniger kreischen als deutsche und auch die Erwachsenen einen gemäßigteren Ton haben. Sogar wenn es gegen zwei, drei Uhr voller wird im Schwimmbad, ist es noch verhältnismäßig ruhig.
Gut ein Drittel der Frauen jeglichen Alters sonnt sich oben ohne und Damen jenseits der fünfzig mit blankem Busen sind für mich ein ungewöhnlicher Anblick. Ich weiß nicht, ob das als Körperkult, Freiheit, Freizügigkeit, Exhibitionismus oder als eine Mischung aus allem zu werten ist. Wenn sie angezogen sind, kann man bei den spanischen Damen fortgeschrittenen Alters allerdings erkennen, daß sie mehr Wert auf Mode und Kleidung legen als ihre Altersgenossinnen in Deutschland. In Salamanca, einem reicheren Stadtteil, reihen sich entsprechend die Geschäfte mit den großen Namen der Modebranche aneineinander, Dior, Gucci, Prada, Versace. Eine Bekannte, die hier wohnt, hatte sich eine Hose bei Armani gekauft, deren Boden bereits nach drei Monaten mehr als fadenscheinig war. Als sie sich beschwerte, sagte der Verkäufer, sie dürfe die Hose eben nicht so häufig tragen.
Es geht nur um den Schein mag man argwöhnen und für diese Interpretation spricht auch, daß man hier Kopfteile für Betten einzeln verkauft. Das kann man an die Wand stellen, ein billiges Feldbett davor und schon sieht es nach mehr aus, als es ist.
Beim Obst und Gemüse hingegen geht es nicht um den Schein, sondern möglicherweise um Hygenie. Die Spanier mögen es nicht, wenn man die Früchte berührt, bevor man sie kauft. Schilder weisen darauf hin, daß man bitte nichts anfassen möchte, es sei denn mit den bereit liegenden Einweghandschuhen. Gleichzeitig kann man in nahezu jedem Schuhladen ohne Socken Schuhe anprobieren.
Es ist wie immer. Jeder findet das, was er macht, völlig normal und kann nur schwer verstehen, daß andere Menschen und Kulturen die Dinge anders angehen. Anders heißt ja nicht falsch, aber sich das immer wieder zu vergegenwärtigen, kann manchmal auch schwer fallen.

Madrid IV

Das was man im Westen unter Yoga kennt sind meistens die verschiedenen Arten des Hathayoga, das sich in erster Linie mit Körperstellungen und der Atmung beschäftigt. Von den verschiedenen Hathayogaausrichtungen ist das sogenannte Ashtanga-Yoga eines der am meisten standartisierten Systeme, jeder Atemzug, jede Bewegung, jede Blickrichtung sind vorgegeben. Somit kann auch ich mit meinen 49 Worten spanisch hier zum Ashtanga gehen, da ich die Übungen ohnehin auswendig kann. Yogaschulen in Deutschland sind meistens entweder indisch oder pseudoindisch eingerichtet oder versuchen einer strengen Zenästhetik zu folgen. Im schlimmsten Fall wird alles drei gemischt. Hier gibt es zum üblichen indischen Intenvantar noch Nippesfiguren, die aus Russland stammen mögen, an einer Wand hängt ein Portraitfoto einer blonden Fau, das ein wenig so aussieht, als hätte es Hamilton in den frühen Achtzigern fotografiert. Ich weiß nicht, was es da soll, aber es fällt auch erst auf den zweiten Blick auf. Der Spiegelrahmen im Bad wirkt so, als hätte sich jemand von Gaudí inspirieren lassen wollen.
Und auch der Unterricht ist nicht so streng, wie ich ihn gewöhnt bin, da kann ruhig mal ein Fuß schief stehen, da können die Hüften nicht parallel sein, der Blick willenlos im Raum umherwandern oder gar die Synchronistation des Atems mit der Bewegung ganz vergessen werden, ohne daß der Lehrer einen gleich darauf hinweist.
Unter den Indern, die sich mit so etwas beschäftigen, gibt es viele, die glauben, daß die Deutschen und die Japaner diejenigen sind, die mit der größten Ernsthaftigkeit nach Wahrheit, Erlösung und Erleuchtung streben. Diese Ernsthaftigkeit wird als spirituelle Sehnsucht ausgelegt und man begegnet ihr mit Respekt. Man könnte es natürlich auch dahingehend interpretieren, daß die Menschen dieser beiden Nationen am ehesten dazu bereit sind, sich Dogmen zu unterwerfen. Führt der Weg der Anderen auch zum Ziel, ist ja immer die Frage.
Die Sommermonate werden dazu genutzt, die Metro zu modernisieren und so war der Zugang, den ich in der Regel gebrauche zehn Tage lang gesperrt, bis zum 22. August einschließlich, sagte das Schild. Am 21. wirkte es nicht so als, als würden sie in der Lage sein den Zutritt in zwei Tagen freigeben zu können. Auch am 22. sah es zunächst nicht so aus, doch noch um 11 Uhr nachts waren die Bauarbeiter beschäftigt, ein Bild, das man in Deutschland wohl nie zu sehen kriegen wird. Am nächsten Morgen war der Eingang soweit fertig, daß man ihn passieren konnte.
Wie Alf schon sagte, man kann einer Katze auf verschiedene Arten das Fell abziehen.
Aber ob alles zum Ziel führt, weiß man nicht. Der Hausmeister des Hauses, in dem ich hier wohne, ist einer jener Vorstadtpendler, die jeden Tag pro Weg eine Stunde im Zug sitzen. Er mag seine vier Stunden Mittagspause nicht, sie ist ihm zu lang, er würde lieber nur eine Stunde haben und dafür früher heimgehen. In Europa hat man eine Stunde Mittagspause, das reicht völlig um zu essen, sagt er.
Bevor sich jemand wundert, Europa, eine Stunde, Mittagspause und essen gehören zu den 49 Wörtern. Mich hat das beeindruckt, daß er sich und sein Land so selbstverständlich nicht zu Europa zählt. Und er scheint nicht der einzige zu sein. In diesem Fall bezweifle ich, daß alle einen eigenen Weg gehen können, der am Ende zu einem gemeinsamen Ziel führt.
Viel Zeit in dieser Stadt zu verbringen ist für mich ansonsten so, wie älter werden überhaupt. Jeden Tag fallen mir Häuser, Ecken, Farben, Worte, Gerüche und andere Dinge auf, die ich vorher nicht bemerkt hatte.

Lissabon I

Mittlerweile war ich im ethnologischen Museum hier in Belem um die Ecke, da bringen sie gerade eine ausgezeichnete Ausstellung mit Tiermasken und -kostuemen aus Mali, das Ganze erinnert sehr an die Gelede-Kulte der Yoruba in Nigeria. Dort tragen sie Kostueme, die teils eng am Koerper anliegen oder aber, ganz im Gegenteil, vom Hals ab wie ein Reifrock fallen. Um die Fussgelenke haben sie alle je einen Satz Schellen, so dass jeder Schritt ein sehr charakteristisches Klingen verursacht, waehrend ein Stampfen sich entsprechend heftiger anhoert, in der musikalischen Sprache mit einem deutlichen Ausrufezeichen vergleichbar. Anders als in vielen afrikanischen Maskentaenzen glaubt das Volk hier nicht, dass ein Gott oder Geist selbst unter dem Kostuem steckt, der Traeger also fuer den Zeitraum der Verkleidung besessen ist, es handelt sich viel mehr um eine paedagogische Darbietung, die sehr beispielhaft fuer die Art und Weise ist, in der in schriftlosen Kulturen moralische Werte und traditionelles Wissen von den Alten an die Jungen weitergegeben werden. Ueber der Gesichtsdarstellung der Maske, die sich immer aehnelt, sind die verschiedensten geschnitzten Aufbauten, die meist eine Szene mit Menschen, gelegentlich aber auch Tiere oder sonstiges darstellen. Diese Protagonisten befinden sich in irgendeiner Art Interaktion, die stets eine allgemeingueltige Aussage hat, nach Art von "die Moral von der Geschicht". So tanzen die verschiedensten Masken in einer den ganzen Tag waehrenden Prozession vor der Dorfbevoelkerung, eine teilweise sehr lustige, in jedem Fall aber hochgradig beeindruckende Prozession. Es gleicht einem Volksfest mit ernstem Kern, ich habe das in Suedost-Benin mal gesehen, es war fantastisch. Eine Maske zeigte beispielsweise eine afrikanische Mutter, die ihrem Kind die Brust gibt, daneben einen Mann, welcher derselben Mutter eine Babyflasche anbot. Diese Maske gehoerte zu jenen, deren Bedeutung sich mir entzog, weshalb ich fragte und man mir erklaerte, dass ein grosser europaeischer Konzern (ich meine, es war Nestle) sich Jahre zuvor afrikanische Maerkte mit seinen Produkten zu erschliessen suchte und im grossen Stil Milchpulver unters Volk brachte. Das fand zunaechst reissenden Absatz, bis sehr schnell viele Hundert Babys starben - die jungen Muetter hatten zum anruehren der Babynahrung selbstverstaendlich ihr regional verfuegbares Brunnenwasser verwendet, welches, voller Keime und Bakterien, die kaum gegen Umwelteinfluesse resistenten Babys umgebracht hatte. Die Moral dieser Maske lautete also: Nehmt nicht die Flasche, die Euch kostenlos gereicht, gebt eurem Kind - damals wie heute - die Brust. Wie grossartig!

Lissabon II

Philipp Schiemann an seinen in Deutschland lebenden Vermieter Alberto Passos:

Frau Helena (die Hausmeisterin, Anmerk.d. Red.) hat mich im Übrigen sehr herzlich empfangen und ist - eine äußerst angenehme Überraschung - für eine im Objekt selbst lebende Hausmeisterin bzw. Verwalterin angenehm unaufdringlich. Ich denke/hoffe, Sie verstehen das richtig. Ich war immer ein eher einzelgängerischer Charakter, der den störungsfreien Frieden seines Heims inmitten unserer von Lärm- und Reizüberflutung gezeichneten Umwelt ebenso schätzt wie für die Berufsausübung zwingend benötigt und sich gut allein zurechtfindet, ein ohnehin offenbar typisches Bild bei Autoren. Sehr sympathisch entsprechend jene Mitmenschen, die diese Eigenschaften intuitiv erkennen und klaglos respektieren. Leider wird dieser Zug nur allzu oft als Ablehnung der eigenen Person missverstanden, bei nachbarschaftlichen Verhältnissen ein das Klima meist dauerhaft und somit irreparabel schädigender Irrtum. Aber genug davon. Vermutlich würde ich diesen Punkt nicht derart herausstreichen, wenn ich nicht in den späten Achtzigern als junger Bursche im ersten eigenen Appartement (anfangs noch stolz wie Oscar) die subtile Vielschichtigkeit des provinzdeutschen Mietshausterrors allerschlimmster Sorte und die mit diesem verbundene Nervenbelastung erfahren hätte. Absolut traumatisch, bis hin zur hausmeisterlichen Untersuchung meines Hausmülls - aus vermutlich krankhafter Neugier oder weiß der Himmel. Sie sehen, ich bin leicht vorbelastet, das ist alles.

Herr Passos, ich muss mich entschuldigen - mein Schreiben ist ausgeufert und allzu geschwätzig geworden. Ich hatte nicht beabsichtigt, Ihre Zeit zu stehlen. Sorry.

Lissabon III

Pastéis de Belém

Wer Lissabon besucht und nur wenig Zeit dafür hat, wird im Vorfeld - wie sollte es anders sein - entweder stadtkundige Freunde um Rat fragen, oder aber auch aus der reichen Auswahl, die der Buchmarkt dem Verbraucher bietet, einen gefälligen Stadtführer wählen. Derart versorgt ist trotz allem nur der Profi davor gefeit, den tausendfach beschrittenen Pfaden ein weiteres Mal die Ehre zu geben. Denn wer kann schon mit Sicherheit sagen, wie weit der Geschmack von Kurt und Marga (die ja schon mal in Portugals Hauptstadt waren, damals, mit dem Club Med) oder die Vorlieben des Herrn Sohn (wie hieß die von ihm pausenlos beschworene Diskothek doch gleich? "ClimaXXX?") mit den eigenen Ansprüchen konform gehen? Und davon ab: würden Sie als Verfasser eines Reiseführers ihre wenigen lieb gewonnenen, mit sattem Lehrgeld bezahlten Geheimnisse um den Preis offenbaren, das Horden von Touristen ihr kleines Paradies künftig dem globalen Sitten- und Kulturverfall angleichen? Mal ehrlich: Wohl kaum, oder?

In diesem Sinne biete ich in meinem ersten Tipp als aktueller Metropolenschreiber aus Düsseldorf, "Unser Mann in Lissabon" sozusagen, auch keinen Tabubruch, sondern nur einen Kompromiss an, was offen gestanden in erster Linie daran liegt, dass sich mein Zugang zu diesem weitläufigen Städtchen gerade erst zu erschließen beginnt. Sowie Sie also Ihr Quartier bezogen und erst einmal das Gefühl bekommen haben, mit Leib und Seele angelangt zu sein, besuchen Sie den Stadtteil Belém. Der liegt westlich vom Zentrum, von dem aus eine Taxifahrt höchstens 10 Euro kosten darf. Achten Sie, solange Sie keine Absprache treffen, prinzipiell darauf, dass der Taxameter zu Beginn der Fahrt eingeschaltet wird. Als Ziel geben Sie "Rua de Belém" an, No 84, oder versuchen Sie es gleich mit "Fábrica Pastéis de Belém". Man wird Sie keine 3 Fussminuten vom Rio Tejo entfernt nach circa 10-15minütiger Fahrt absetzen. Sehen Sie die blaue Fassade, die sich entlang drei Häuserfronten spannt? Ja, genau, da, wo die vielen Leute stehen ...

Es mag den Freund der kontemplativen Stille ebenso wie den Liebhaber der nie zuvor gesehenen Sandstrände etwas schrecken, aber trotz der von morgens früh bis spät in die Nacht gut besuchten Bude sucht die Qualität ihresgleichen. Selbst das verwöhnte Schleckermaul wird hier Gefahr laufen, jeden Diätplan auf später zu verschieben.

Ach Gott, worum geht's überhaupt? Ganz vergessen: die "Pastéis" sind kleine, runde Blätterteigpasteten mit einer mittig applizierten Füllung aus fester Vanillecreme. Überall in der Gegend werden diese Küchlein verkauft, aber das Original gibt's nur hier, und aufgrund der reißenden Nachfrage stets ofenwarm. An den Thekenbereich, eine um eine Ecke laufende, lange gläserne Theke, ist ein Café angegliedert, das zum Verweilen einlädt. Wer lieber draußen oder zu Hause Bekanntschaft mit den kalorienstarken Spitzenerzeugnissen machen möchte, dem sei das Einreihen in die Warteschlange angeraten. In diesem Vorraum, der von hinter Glas ausgestellten Portweinflaschen eingerahmt ist, tummeln sich täglich Menschen aller Nationen, sämtlich darauf aus, ihre Tagesration zu sichern. Die im Übrigen zu höchst annehmbaren Preisen zu haben ist.

Das Rezept für dieses Highlight portugiesischer Konditorei stammt übrigens von einem findigen Privatier, der es im Jahre 1837 einem Mönch aus dem hiesigen Hieronymitenkloster, dem Mosteiro dos Jerónimos, abgeschwatzt hat. Der Gentleman hatte, wie man noch vor dem eigenen Genuss der Pastéis de Belém bestaunen kann, fraglos den richtigen Riecher. Man beobachte nur aufmerksam den Thekenbereich, in dem sich etwa alle 10 Minuten irgendjemand hinreißen lässt, einer dringenden inneren Bestimmung Folge leistend und leider eher einem Tier als einem Menschen gleich, die Zähne in das aus hastig aufgerissener Verpackung gezerrte Produkt zu schlagen, jede Reflektion hinsichtlich der Fremdwahrnehmung scheint in diesem Augenblick außer Kraft gesetzt zu sein. Nicht, dass es gänzlich unverständlich wäre oder man immer um Erlaubnis fragen müsste - aber der besondere Anlass gebietet wirklich mehr Respekt vor Törtchen und Produzenten. Sogar, wenn niemand hinguckt.

Lissabon IV

Oceanário

Nachdem ich, Philipp Schiemann, in meiner Eigenschaft als aktueller Metropolenschreiber Sept./Okt. 2006 in Lissabon vor drei Wochen von einer kulinarischen Sensation schwärmte, nun zu etwas völlig anderem. Manch Düsseldorfer kennt zweifelsohne den Aquazoo (vormals Löbbecke-Museum), der sich stadtauswärts in Richtung Kaiserswerth befindet. Wer an diesem Ort Gefallen findet, der sollte sich bei seinem Aufenthalt in Lissabon ungeachtet dessen, was der herkömmliche Reiseführer empfiehlt, das Oceanário ansehen. Hierbei handelt es sich um den zweitgrößten Aquazoo weltweit und das größte Ozeanarium Europas. Die vom englischen Architekten Peter Chermayeff entworfene Anlage geriet 1998 zum Glanzstück der Weltausstellung.

Zu Recht, wie ich nach eigener Begehung feststellen musste, denn die hier versammelten rund 15.000 Tiere leben nicht nur weitgehend in artgerechter Haltung, sondern werden dem Besucher vor allem auch in spektakulärer Form präsentiert. Es scheint, als wäre der begehbare Teil des Hauses in Form einer vertikalen Röhre rund um das Aquarium, einen ungeheuren Tank, herumgebaut worden. Dem vorgesehenen Pfad folgend erlebt der Betrachter die gewaltige Zahl großer und kleiner Meerestiere zudem auf zwei Ebenen. Dabei wurde ganz offenkundig Sorge dafür getragen, dass selbst bei größerem Andrang auch für Kinder und Menschen von kleinem Wuchs durchaus die unverstellte Sicht aufs Geschehen gewährleistet bleibt. So schaut Groß und Klein also auf ausgesuchte Fische und andere Meeresfrüchte aus fünf verschiedenen Klimazonen der Erde. Währenddessen hat man zuweilen den Eindruck, dass es eher die Fische sind, die sich Besucher aus fünf Kontinenten anschauen. Wahrscheinlich kommen beide Parteien gleichermaßen auf ihre Kosten; dies bleibt jedenfalls zu hoffen.

Auffallend ist die Harmonie, mit der die Schwärme bunter Winzlinge, die Gruppen kleiner, scheibenförmiger Fische, die gewaltigen Einzelgänger und auch alle übrigen miteinander verkehren. Hier und da scheint einem der Meeresbewohner einst ein kapitales Stück Flosse weg gebissen worden zu sein, zeugt eine stattliche Narbe von ernsten Meinungsverschiedenheiten, aber alles in allem erstaunt die friedliche Einigkeit, mit der hier das Becken geteilt wird. Verdutzt über diesen Umstand erklärte mir meine zum Zeitpunkt des Besuchs anwesende Lebensgefährtin, dass dies daran läge, dass diese Fische allesamt satt seien, es keine Veranlassung für sie gäbe, einander zu fressen. So banal diese Einsicht sein mochte, so sehr bewegte sie mich, förderte den alten Romantiker in mir zutage: wenn den Menschen allerorten nun auch genug Futter zuteil würde, ob sie ähnliches schaffen mochten?

Dies werden wir wohl kaum erfahren. Ich wage jedoch zu prognostizieren, dass dergleichen nicht der Fall sein wird. Zu groß die Klassenunterschiede, zu perfide die Mechanismen, die den Neid, die Eifersucht, die Gier züchten. Beim Menschengeschlecht bleibt der volle Bauch, solange das Individuum nicht gänzlich auf den Hund gekommen ist, eben nur die halbe Miete. So scheint es zumindest.

Bevor der Besuch des Oceanários - Metrohalteplatz im Übrigen die Station "Oriente" - aber zum philosophischen Diskurs gerät, möchte ich den Besucher gleich weiterbugsieren, auf dass er in keinem Fall das Biberbecken versäumt. Es lässt sich kaum garantieren, dass sich die beiden ansässigen Biber in gleicher Weise präsentieren, wie es bei meiner eigenen Begehung der Fall war. Etwas Geduld wird hier jedoch zweifellos zum Ziel führen. Nie zuvor sah ich Lebewesen auf dieser Erde mit vergleichbarer Liebe den eigenen Körper liebkosen (womöglich war es nur gewöhnliches Putzen?), das Ganze gemütlich, ausführlich, mit einer Anmut und Seelenruhe, die ihresgleichen suchte. Der Biber Pfoten, würdige Hauptakteure des Spektakels, weil überaus attraktiven, flauschigen Handschuhen gleich, mochten dabei zugegebenermaßen nicht unerheblich zur Steigerung der zuschauerlichen Erquickung beigetragen haben.

Ich stand wohl eine gute Viertelstunde, bis diverse Verpflichtungen mich zum gehen nötigten, vergessen habe ich den ungewohnten Anblick jedoch nicht. Sich selbst etwas gern zu haben, ganz gleich, mit welchen Sorgen oder Plagen man vom Schicksal bedacht wurde - dies ist wohl die Lektion, die einem diese Tiere mit auf den Weg geben möchten.

Soviel als Schlusswort.

Alles Gute aus einem heute bewölkten und bis gerade eben noch vom Regen verschonten Lissabon wünscht Ihnen

Philipp Schiemann.

Lissabon V

Ich bin wieder in Düsseldorf, Gott sei Dank. Ich sage dies, weil ich es bis kurz vor dem Abflug gar nicht zu schaffen glaubte: Da war ich dann doch (super-selten!) zu lässig mit meiner verbleibenden Zeit und geriet ins Schleudern, da aus jeder Ecke - normal bei längeren Aufenthalten, ich weiß dies eigentlich bestens - noch etwas anfiel. Während des Packens wurde mir dann aber sonnenklar, dass es Probleme geben würde, die physischen Massen waren einfach zu gewaltig. Besorgte folglich mehr rennend als laufend zwei XXXL-Chinashop-Koffer, welche zwar alles fassten, dann aber mittels eilig herbeigeschafftem Kreppband vor dem Bersten an der Sollbruchstelle (Reißverschluss) bewahrt werden mussten.

Verrenkte mir beim Trepperunterschleppen (solo natürlich, wieder: dumm) die Bandscheibe und, to make a long story short, ich schaffte es, nassgeschwitzt, mit 51 Kilo ÜBERgewicht. Zahlen musste ich gnädigerweise nur für immerhin 30 Kilo... Jedenfalls kam ich mittelschwer lädiert in Deutschland an und verzichtete angesichts der ramponierten Knochen und Gepäckmassen auf teure ICEs (19.- pro Nase) und S-Bahnen (billig, aber ohne Aufzüge an Umsteige- und Endhaltestellen) und nahm einen One-way Mietwagen bei Europcar. Geil eigentlich, aber jetzt die Ironie und der Hammer: Wegen Unfall vor uns und generellem Berufsverkehr brauchte ich von Köln-Bonn bis Düsseldorf 1/2 Stunde länger als von Portugal nach Deutschland. Das ist dann offenbar das 21. Jahrhundert gepaart mit der menschlichen Dummheit, was soll man sagen.

Man wird sich mit Recht fragen, was in aller Welt ich bloß transportiert habe, und ich muss gestehen, ich wundere mich selbst: Ich fliege ja stets bevorzugt nur mit Handgepäck, hin wie zurück. Es muss wohl a) am langen Aufenthalt gelegen haben, b) dass ich zwischenzeitlich 1x in Deutschland war und MIT Koffer zurückfuhr und c) mir man beim ersten großen Besuch nochmal einen Satz vorher bestellter Bücher für meine aktuelle Arbeit brachte. Hinzu kommen natürlich d) die gesammelten Flohmarkteinkäufe für meine aktuelle Nebenbeschäftigung (gleich 3 Haiti-Schreine).

Nun bin ich also wieder in den eigenen vier Wänden, die Altstadt vor der Tür und durch den täglichen Internetzugang ständig mit der Welt verbunden - was mich zum Nachdenken darüber bringt, warum ich gerade das so sehr vermisst habe und warum ich so sehr glaube, darauf angewiesen zu sein.

Ich fand dabei etwas heraus, dass sicher nicht allein verantwortlich ist, aber bestimmt 50 Prozent der Gesamtursache bei mir ausmacht: Portugal ist zwar weit weg. Aber immer noch Europa. Es tickt nach der westlichen Uhr. In Amerika, die Weiten der Prärie vielleicht ausgenommen, ist dies ebenso. Wesentlich leichter fällt mir der Verzicht auf Übliches, wenn das Umfeld auf so ziemlich allen Ebenen Unterschiede zur Heimat aufweist, einen nicht "rhythmisch" an "eigene Welt" erinnert - und gemahnt. Jenseits Europas brauchte ich den Rechner zwar offen gestanden auch, dort aber vielmehr, um Eindrücke abzuarbeiten und dazu liebendes Feedback und Stütze von Freunden zu erhalten. Dieses wird mir auch immer wichtiger, denn ich spüre oft, dass meine komplette Herkunftsfamilie bis auf einen (in der Ferne lebenden) Onkel tot und begraben ist.

BER HEY, JESUS! Ich merke gerade mal wieder reichlich spät, wie heftig ich ins Quatschen komme - also bitte vielmals um Entschuldigung und vielen Dank für das in mich gesetzte Vertrauen! Philip

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