Metropolenschreiber 2004

Dank der Unterstützung der Kunststiftung NRW kann das Projekt Metropolenschreiber fortgesetzt werden: 2004 werden zwei nordrhein-westfälische Autoren in einer europäischen Metropole leben und arbeiten. Im August/September wird sich der Wuppertaler Autor Christof Hamann in Warschau aufhalten; die Kölner Schriftstellerin Katrin Askan residiert im September und Oktober im katalanischen Barcelona.

Christof Hamann, geboren 1966, promovierte an der Universität Essen über New York in der deutschen Gegenwartsliteratur und debütierte 2001 mit seinem Roman Seegfrörne im Steidl Verlag, wo in diesem Jahr sein zweites Buch Fester. Polen, Namibia, USA-ein versponnener Roman von den wundersamen Reisen des Sebastian Fester erscheint. Das Reisen, die Begegnung mit fremden Kulturen und die Wirkung derselben auf den Menschen sind ein wichtiges Thema für Christof Hamann. Neben dem Förderpreis des Landes NRW erhielt Hamann ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg (2001) und 2003 die Auszeichnung "Debüt im Buddenbrookhaus". Ebenfalls 2003 stellte er seine Texte beim den "Klagenfurter Literaturtagen" vor.

Katrin Askan, geboren 1966, verließ mit zwanzig Jahren die DDR im Kofferraum eines Kleinwagens. Sei 1988 lebt sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Bislang erschienen von ihr im Berlin Verlag die Romane A-Dur (1996), Eisenengel (1998), Aus dem Schneider (2000) sowie ein Band mit Erzählungen Wiederholungstäter (2002, für eine erhielt sie in Klagenfurt den 3sat-Preis) Wiederholungstäter (2002). Nach der Auseinandersetzung mit dem Thema DDR in Aus dem Schneider und A-Dur thematisiert Katrin Askan in den Erzählungen die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und das Wesen von Fremdheit und Identität.

Besuchen Sie diese Seite im Herbst wieder und verfolgen Sie die Erlebnisse und Eindrücke der beiden Autoren durch die Lektüre der "Kurzberichten aus Barcelona und Warschau"!

Katrin Askan - Aus der Metropole. Barcelona

Die erste Ankunft in einer fremden Stadt prägt sich einem wohl immer besonders ein. Die Sinne sind geschärft und versuchen alle Eindrücke wahrzunehmen, zu verarbeiten, um mit der größten Unsicherheit klarzukommen: man weiß nicht, was einen erwartet. Selbst wenn man vorher schon Reiseführer gelesen und Menschen ausgefragt hat, die sich dort gut auskennen, wo man gerade ankommt. In Barcelona.
Ein Gewitter über der Stadt verhindert, dass unser Flugzeug landen kann. Es kreist eine halbe Stunde lang um dunkle Wolken und sackt immer wieder in so genannte Luftlöcher. Erleichterung, als wir dann schließlich doch in die schwülwarme Luft der Flughafenhalle treten können. In Barcelona regnet es, die Taxis sind rar und die Fahrer schlecht gelaunt. Die Straße, in die ich will, ist unbekannt, ich werde samt Koffer an einer Kreuzung abgesetzt und muss mich das letzte Stück zu Fuß durchfragen. Die Menschen hier sind misstrauisch wie in so vielen Großstädten dieser Welt. Barcelona soll zu den am dichtesten besiedelten Gebieten Europas gehören. Auf den schmalen Gehwegen des relativ armen Viertels Poble Sec (was soviel wie "Trockenes Dorf" heißt, weil es hier früher keine Wasserversorgung gab), in dem ich nun wohne, tritt niemand beiseite, wenn ein anderer vorbei will. Hier behauptet jeder seinen Platz, wenn er ihn denn einmal errungen zu haben meint. Die vielen Zettel, die überall herumfliegen, mit zumeist handgeschriebenen Verkaufsangeboten von astronomisch teuren Wohnungen runden das Bild von einer Stadt ab, in der das Überleben schwierig sein kann. In den Touristenhochburgen, auf den Ramblas also und an den von Gaudí gestalteten Stätten und auch im Barri Gòtic mit den alten Kirchen, ist davon wenig zu spüren. Die Verkäufer sind auch hier nicht besonders freundlich, aber das kann die Stimmung der von allen Teilen der Welt Angereisten offensichtlich nicht trüben. Wäre ich nur ein paar Tage hier, wie die meisten von ihnen, würde ich wohl auch der Fehleinschätzung erliegen, Barcelona sei eine unbeschwert heitere Stadt. Dass sie künstlerisch lebendig ist, stimmt da schon eher, wenngleich dieser Eindruck in erster Linie einer großzügigen Kulturpolitik zu verdanken ist, die bemüht ist, den Besuchern der Stadt Attraktionen zu bieten. Es gibt nicht wenige Kreative, wie ich inzwischen gehört habe, die sich dieser Fassadenoptik bewusst entziehen und in die Peripherie abwandern. Dort ist es zum Arbeiten ohnehin wesentlich ruhiger.

Katrin Askan – Aus der Metropole. Barcelona II

Wenn man aus Nord- oder Mitteleuropa kommt, gerät man leicht in Versuchung zu glauben, die Uhren hier gingen anders, selbst wenn sie die gleiche Zeit wie zu Hause anzeigen. Barcelona erwacht langsam, wenn die Kinder gegen halb neun zur Schule gehen. Gegen zehn Uhr kann man noch nicht sicher sein, dass alle Geschäfte geöffnet sind. Spätestens um zwei sollte man seine Besorgungen jedoch erledigt haben, denn dann werden fast überall die Rollläden wieder heruntergelassen. Bis um fünf ruht die Stadt, außer in den Touristenhochburgen, wo sowieso immer und überall andere Gesetze gelten. Nach siebzehn Uhr scheint der Tag erst richtig anzubrechen. Die Kinder kommen von den Schulen, die Menschen von ihren Arbeitsstellen, sie kaufen ein, führen ihre Hunde und ihre kleinen Kinder aus, trinken in der Bar an der Ecke Caña oder Kaffee. Gegen neunzehn Uhr werden die Supermärkte mit Frischwaren beliefert. Nach zwanzig Uhr füllen sich Plätze und Parks, die Bänke sind alle besetzt. Zwischen den Älteren, die sich hier unterhalten, spielen Kinder Fußball oder Fange, und auch die kleinsten unter ihnen halten bis dreiundzwanzig Uhr durch. Zu dieser Stunde leert die Müllabfuhr täglich die großen Container am Straßenrand; einmal hörte ich, dass der für Glas um vier Uhr nachts in den LKW geschüttet wurde. Auch zu dieser Zeit, bis in die frühen Morgenstunden, lassen Jugendliche ihre zumeist frisierten Motorroller aufheulen. Bei dem Geräuschpegel, der hier allabendlich und allnächtlich herrscht, würden in Deutschland schon etliche Anwohner die Polizei eingeschaltet haben. Hier aber scheint man sich mit dem Lärm irgendwie zu arrangieren. Vermutlich, indem man selber welchen produziert. Für Durchreisende wie mich, die ich zu kurz hier bin, um mich in dieser Beziehung anzupassen, und zu lange, um die Zeit nicht zum Arbeiten zu nutzen, wird der Lärm zur Kehrseite des angenehmen Klimas hier, der einen ganz anderen Lebensrhythmus ermöglicht. Es ist das Andere, das auffällt, manchmal stört, manchmal gefällt, in jedem Fall aber den Blick vergleichend auf das Eigene lenkt. Allem Lärm zum Trotz, ist dies ein Gewinn, der wieder mit nach Hause reist und dort hoffentlich lange überdauert: eine veränderte Perspektive auf das Gewohnte, eine Perspektive, die Dinge in den Fokus rückt, die man zwar schon kennt, doch so noch nie gesehen hat. Könnte sein, dass man auf diese Weise nachsichtiger mit der eigenen Kultur wird, in jedem Fall wird man wachsamer, was diese überhaupt ausmacht. Kultur entsteht nur durch Auseinandersetzung mit Fremden, und sie bedarf, um zu bestehen, einer ständigen Erneuerung, die durch veränderte Blickwinkel erst möglich wird. Das hören diejenigen, die sich als Kultur-Beschützer ausgeben, nicht gern, denn es sind nicht selten auch ihre Präparatoren.

Christof Hamann

Am 1. August 1944 brach der Warschauer Aufstand aus: Die polnische Untergrundarmee und mit ihr ein Teil der Warschauer Bevölkerung erhoben sich gegen die deutschen Besatzer. Nach 63 Tagen Kampf, den die Alliierten nur unzureichend unterstützten und der 200000 Polen das Leben kostete, kapitulierten die Aufständischen am Morgen des 3. Oktober. Die Überlebenden wurden aus der Stadt evakuiert, Warschau selbst durch Brand- und Sprengkommandos vollends zerstört.
In Deutschland, in der Forschung ebenso wie im Alltagsbewußtsein, hat der Aufstand bis heute nur wenig Spuren hinterlassen, allenfalls der Besuch des Bundeskanzlers zum 60. Jahrestag sorgte kurzzeitig für erhöhte Aufmerksamkeit in der Tagespresse. Die beiden in Deutschland erhältlichen Monographien stammen von Historikern aus Polen bzw. England: Wlodzimierz Borodziejs Der Warschauer Aufstand 1944 ist soeben bei Fischer als Taschenbuch erschienen, Norman Davies' Aufstand der Verlorenen. Der Kampf um Warschau 1944 bei Droemer. Was Autobiographien und literarische Texte betrifft, so sind diese entweder nicht übersetzt oder vergriffen.
Interessierte mögen sich auf antiquarische Suche begeben - nach Miron Bialoszewskis Nur das was war. Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand, 1994 im Verlag Neue Kritik publiziert, und nach Jan Nowaks Memoiren, die 1978 auf Englisch erschienen sind (Courier from Warsaw). Es lohnt sich!
Die hier abgedruckten Texte sind Auszüge aus einer im Entstehen befindlichen Foto-Text-Collage mit dem Titel Warschauer Lapidarium, an der der Schriftsteller Christof Hamann gemeinsam mit der Künstlerin Susanne Catrein im Rahmen eines Metropolenstipendiums des Literaturbüros NRW / der Kunststiftung NRW arbeiten.

Chopins Jahrhundert

So schnell prallen wir hart auf der Landebahn in Warszawa Warsaw Varsovza Varsovie Warschau auf, daß wir versäumen, uns aus bequemer Höhe die Metropole vorzunehmen, uns zu vergewissern, daß sie ein Ende nimmt und nicht einfach fortläuft bis zu dem Ort, von dem wir abgeflogen sind. Selbst im Taxi haftet uns das Staunen über den Katzensprung noch an, mehrfach sagst Du: "Ich kann es nicht glauben." Im Rückspiegel Ausschnitte des Fahrergesichts, große Augen, Locken in der Stirn, der Mund mit einem gepflegten Schnurrbärtchen darüber, der weiße Kragen eines Hemds. Ich flüstere dir zu, er könne glatt als Zwillingsbruder Strapinskis durchgehen, der unfreiwillig, aber mit Würde statt als Schneider als Graf ...
Du fällst mir ins Wort, ich solle Kellers Seldwyler Geschichten die Polenromantik das 19. Jahrhundert in der Schweiz lassen, ich solle näher heran, an den Tag der Sonnenblumen den 1. August die Stunde W plus sechzig Jahre den Jahrestag. "Der 1. August, ein Montag, begann wie jeder andere Arbeitstag während der Besatzung. Das Wetter war schön und warm", berichte der eine, "Am 1. August 1944, einem Dienstag, war es bedeckt, feucht, nicht besonders warm", der andere. In die Lücke zwischen Montag und Dienstag, Sonne und Regen springe die Erinnerung, deine, meine, nur näher heran müßten wir, noch näher, heran also auch an den Besuch des Bundeskanzlers, dessen Trauermine Polen ein zwei drei Tage lang mit Verve auf die Titelseiten deutscher Zeitungen hievte, und uns aus dem Stand in seit Jahr und Tag über den Tellerrand abgeschobene Geschichte, PW Polska Walczaca Polen kämpft ...
Ich solle Kriegsmaschine Brückenkopf Einschließungsring Flammenwerfer Sturmgeschütz Selbstfahrlafette den Kugelhagel das dem Erdboden gleichmachen schleifen das Gemetzel niedermähen zertreten abschlachten niederringen zusammenschießen austilgen ausgelöscht kaltblütig sammeln, ein gewaltiges Märchen aus Metaphern, ein poetisches Ungeheuer ... Ich solle eine Liste der Geschichtsauslöschung Klitterung Schusterei Schönfärberei Verklärung Versteinbachung im rundherumvereinigten Deutschland ... Und dann solle ich die polnische Serie Vier Panzerfahrer und ein Hund, der alle Jahre wieder Sonntags zur besten Kinderfernsehstundenzeit ausgestrahlt wird, der Hund schlägt dem Krieg ein Schnippchen nach dem anderen, selbst die Deutschen geben sich faul und brüllen nicht andauernd "Schneller, schneller", "Raus, raus", "Hände hoch", die es erwischt hat, fallen, vor jeder Erinnerung sicher, jenseits der Leinwand um ...
Ich ... solle ... statt dessen einfach aus dem Fenster schauen, das Auto, ein Mercedes 300 D, windet sich durch den Berufsverkehr in Richtung Marszalkowska Straße, in deren Nummer 83 wir eine Wohnung mit der Nummer 63 beziehen werden. Hier höre ich den Namen zum ersten Mal, aus dem Mund des Fahrers. Nachdem du den Blick aus dem Fenster in die Worte "it's quite green here" gepackt hast, füttert er uns mit dem Namen eines Parks, danach mit dem des jung gestorbenen Komponisten. Wir kauen, können aber weder den einen noch den anderen schlucken, auf Nachhaken den des Künstlers. Fry de ryc Cho pin, ehrfurchtsvoll und gedehnt schickt er ihn das zweite Mal nach hinten und uns damit erneut, wie ich zuerst fälschlicherweise annehme, zurück zu Strapinsky ins falsche Jahrhundert.
Er spricht den Namen wie einer aus, der nach etlichen Kreuz- und Querfahrten dem in den Verkehr einfädeln abbremsen ausfädeln zum Stillstand kommen, um sich erneut einfädeln zu müssen, die Treppen in sein winziges Appartement hinauftanzt. "Siehst du", fragst du, "wie die Schlüssel melodisch in seiner Hand klimpern?" Kaum ist die Tür ins Schloß gefallen, legt er eine CD mit einer Etüde ein, einer Revolutionsetüde, einer Übung für niedergeschlagene Aufstände, eine Übung, die die Nazis, drang sie aus dem Fenster eines Warschauers, mit Erschießen belohnten. Im Taxi tarnt er sich demnach nur mit Popmusik für die hereinschneienden Touristen.

In der Steinsammlung

Der angekündigte Redner geht gebeugt, stützt sich auf einen Stock. Gesicht und Hände sind voller Runzeln, in seiner nach hinten geschobenen Mütze steckt eine weiße Rose. Von einem Podium im sogenannten Lapidarium spricht er Polnisch hinab auf ein großes Publikum, das immer wieder in Lachen und Klatschen ausbricht. Besonders amüsiert sich mein Nachbar, ein alter Mann, dessen Beine weit auseinanderstehen, sein linkes reibt sich an meinem rechten, manchmal klopft er sich die Schenkel. Wir lächeln nach vorne und stimmen in das Klatschen ein, ohne die geringste Ahnung, ohne auch nur andeutungsweise zu wissen, was für Steine an diesem Ort gesammelt werden. Sehen können wir keine, keine Bergkristalle, keine Amethyste, Achate, Rosenquarze, Granate, wie sie etwa in schmucken alpenländischen Museen ausgestellt werden. "Weißt du noch, damals", sagst du, "in dieser Osttiroler Pension, in der du in den Keller geführt wurdest, und wie aus dem Nichts staunen konntest über die glitzernden Steine, und deine Eltern dir erlaubten, einen auszusuchen, und du wähltest einen grünen, einen leuchtenden Malachit." Hier habe ich statt dessen das Wort, das sich so lange verselbständigt, Lapidarium Lapidaria Lapislazuli Lapsus lapidar, bis mir auf eine Frage des Nachbarn hin nur die Antwort bleibt: "Sorry, I don't speak Polish." Darauf wechselt er ebenfalls ins Englische und erkundigt sich nach meiner Herkunft ...
Vor allem alte Menschen füllen die Reihen, mehr Männer als Frauen. Wenn ich nach vorne zum Redner schaue, der immer wieder auf große Fotos hinter sich weist, sehe ich über mehrere Glatzen hinweg, einige davon gebettet in einen kurzgeschorenen Haarkranz, hinter den Ohren klemmen die Brillenbügel. Meinem Nachbarn sind weiße Haare erhalten geblieben, aber wie viele andere Gäste trägt er eine Brille, eine, wie ich mit verstohlenem Blick erkenne, überdimensional große mit extrem dicken Gläsern. Ich glaube, die Augen dahinter wachsen ebenfalls ins Überdimensionale, Eulenaugen, die spielend in die Nacht hinein sehen und gesehen haben, wovon ich selbst mit Fernrohr nicht einmal träumen kann. Wie von diesem Foto, in dessen Mitte "Stare Miasto", also "Altstadt", und die Jahreszahl 1945 hineingedruckt wurde. Es zieht mich an, stößt mich ab, läßt mich im Schrecken hochfahren zusammenzucken erstarren, und ich versuche, ihm mit Beschreibung beizukommen. Von meinem Platz aus erkenne ich Strichellinien, die ohne nachvollziehbare Ordnung eine weiße Fläche überziehen, allenfalls als Labyrinth erscheint es mir schlüssig, in dem jeder, würde er darin ausgesetzt, eine lange, vielleicht endlose Mühe als Zukunft hätte. An dieser absurden Vorstellung harre ich aus, bis ich mich dem Foto so weit angenähert habe, daß sich die Linien und Flächen in Punkte auflösen, die in mir nachhallen als leichtes Brennen in den Augen. "Fortyfour I was fourteen", mit diesen Worten drückt mein Nachbar nicht nur gegen mein Knie, sondern auch gegen meine Schulter, aber er habe gesagt, er sei siebzehn, eine Lüge, die erkannt und über die ohne ein Wort hinweggestiegen worden sei. "Siebzehn Jahr, blondes Haar." Seine Tochter, die ab und an wie dem Udo-Jürgens-Schlager entronnen neben ihm steht, überreicht Wein und Salzstangen. Er habe vier Töchter, zwei würden in den USA leben, eine in der Schweiz, in den Ländern, in denen er viele Jahre verbracht habe. Schrecklich die Schweiz, sauberer noch als Deutschland, kaum seiest du aus dem Haus, verlange ein Polizist deinen Ausweis. Allein die jüngste sei noch bei ihm, sie habe ihn 1994 zurück nach Warschau begleitet. Schon wieder eine vier, fehlt nur noch, daß ich an einem vierten Tag im Monat geboren bin. Ein Zufall Zufall Zufall.
Ich bitte um Entschuldigung, schneuze mich, drehe mich zur anderen Seite, wende mich nach vorn, zum Redner, ein wunderbar melodisches Polnisch spricht er, fast so, als folge die Stimme einem festen Takt. Ich klatsche, lächle, mit dem Schlager könnte, möchte ich leben: "Ein Tag wie jeder, ich träum von Liebe, doch eben nur ein Traum, Menschen wohin ich schau, Großstadtgetriebe." Ich summe, schnalze mit der Zunge, poche mit den Fingern im Takt auf meine Schenkel, so daß Du dich überrascht nach mir umsiehst. Da singe ich flüsternd "siebzehn Jahr" zu dir hin, aber nicht nur du hörst es, auch mein polnisch-amerikanisch-schweizer Nachbar, der sich erneut an meine Schulter lehnt und von seinem Auge spricht, dem linken, das ihm herausgeschossen wurde. Trotzdem wir ganz tief drinnen in einer Metropole sitzen, quasi in ihren Eingeweiden, ihrem Herzen, mit plötzlich gasgebenden jäh abbremsenden U-Bahnen plötzlich gasgebenden jäh abbremsenden Straßenbahnen plötzlich gasgebenden jäh abbremsenden Bussen plötzlich gasgebenden jäh abbremsenden Autos roten Ampeln quietschenden Bremsen grünen Ampeln Füße drücken Gaspedale durch Hände hantieren an Hebeln Fahrgäste Fahrer werden in die Sitze gedrückt nach vorne geschleudert U-Bahn Straßenbahn Bustüren springen auf Menschen rein auf die Sitze raus und weg Türen zu Füße drücken Gaspedale durch Hände hantieren Fahrgäste Fahrer werden ...
Du sagtest einmal zu Herrn T.: "Warschau ist wie New York." Den hinkenden Vergleich ließ er nicht auf sich und seiner Stadt sitzen. "Warszawa ist, ich bitte gefällig um Entschuldigung, reicher als New York", sagte er, der das höflichste Deutsch der Welt spricht. "Warszawa nie prawda", sagte der Betrunkene auf dem Neustadtmarkt, "comprende?" "Warschau ist eine Stadt, in der am 15. August jeden Jahres im Saski Park kostenlos Erbsensuppe verteilt wird", sagtest du. "Warsaw is a relaxed city", sagte der türkische Wirt im Wasserpfeifencafé. "Warschau ist eine Stadt, geeignet für höchstens eine Woche Urlaub", sagte der junge Pole, der uns in einer Milchbar die Speisekarte übersetzte. "Warschau ist eine Stadt, in der 90% der Einwohner eingebildet sind", sagte Grzegorz B. aus Pisz, "also alle". Warschau habe zwischen Oktober 1944 und Januar 1945 aus Schutt und Erinnerungen bestanden, sagte der Alte mit dem herausgeschossenen Auge. "Warschau ist eine Stadt, in der 350000 Juden wohnen, halb so viel wie in ganz Deutschland", sagte Alfred Döblin 1924 auf seiner ›Reise in Polen‹. "Warszawa ist vor kurzem sechzig geworden", sagte Frau K. Der Alte neben mir ist 74 Jahre alt. " Fortyfour I was fourteen", einfache Rechenaufgabe, Subtraktion, ein Minus-, ein Gleichheitszeichen, das geht im Kopf. Mit vierzehn sei ihm das linke Auge herausgeschossen worden, wie oft sagt er diesen Satz, einmal zehnmal tausendmal, und jedesmal wendet er sich mir zu und klappt mit kurzer Handbewegung die große Brille nach oben. "Look here", eine unscheinbare einfache für ihn zur Gewohnheit gewordene Bewegung. Die Eulenaugen bleiben trotz entfernter Gläser, das künstliche, von einer dünnen milchigen Schicht überzogene ist ebenso groß wie das lebendige. An den beiden Augen ließe sich ebenfalls das Rechnen üben, minus und plus, kinderleicht. Er sei im Lazarett aufgewacht, drei Tage lang gelegen, der Arzt habe ihn partout bei sich halten wollen, daher sei er ausgerissen, zurück zu seiner Truppe, der AK Armia Krajowa Heimatarmee, dann dabeigewesen bis zum letzten Tag Anfang Oktober, von da nach Deutschland Amerika Schweiz Polen. Hier wird das Addieren und Subtrahieren schwieriger, etwas für Fortgeschrittene, die Jahre in diesem Land in jenem ergibt, jetzt hier, in der Steinsammlung des Historischen Museums am Altstadtmarkt, Anfang August 2004 ... Vorne auf dem Podium spricht der alte Mann nach wie vor hinab. Dieser Kerl da sei einer ihrer besten Saboteure gewesen, schiebt der Nachbar in seine Erinnerungen ein, bevor er fortfährt. "They murdered", vor dem Lapidarium klappern Pferdehufe klappern Touristen mit ihrem Besteck Geschirr Servietten klappern Gitarren Akkordeons Flöten Gesang Sirenen, klappern U-Bahnen Straßenbahnen Busse Autos "thousands and thousands of us", klappert die gesamte prächtige Stare Miasto Kulisse aus den 50er Jahren im Verein, mit den Trabantenstädten Wolkenkratzern H&M's McDonalds Kulturpalast, es klappert und klappert, die Volksliedmühle ist nichts dagegen, "twohundred thousand in two months, can you imagine that?"

Warschauer Wahrheiten

Angenehm sind die Warschauer Geräusche, gerade jetzt, in der Sommerferienzeit, metropolitan ja, aber mit Vögeln und Sonne dazwischen. Der Wirt des Wasserpfeifencafés, in das wir uns hungrig verirrt haben, gerät ins Schwärmen. Einige Jahre sei es her, da habe ihm seine Istanbuler Firma das Angebot gemacht, in Warschau zu arbeiten, das ihm nur des Paktes wegen ein Begriff war. Wir sehen, wie er seine Pfeife zur Seite legt, Warschau in die eine, Istanbul in die andere Hand nimmt. Die polnische Hauptstadt wiegt um einiges leichter, diese Hand geht in die Höhe, dreht und wendet sich wie im Tanz: "Do you see, like a feather." Nach drei Jahren wollten sie ihn weiter die Treppe hinauf nach Moskau befördern, doch er sagte, er sei jetzt zu Hause hier.
Zu Hause ebenso wie der Betrunkene auf dem Neustadtmarkt, der sich zu uns auf die Bank setzt, uns anspricht, und auf unsere Antwort hin vorgibt, er beherrsche Französisch, Spanisch und Englisch, aber kein Deutsch. Sein Kumpel, glauben wir aus dem Radebrechen heraus zu verstehen, spreche ein herausragendes, ein geradezu unglaubliches Deutsch. Wir fragen nach, schütteln den Kopf. "What?" "Comment?" Vielleicht hören wir das richtig, daß unsere deutschen Kameraden, er breitete seine Arme aus, dies alles zerstört hätten, worauf du etwas einwendest, und sich bei mir, ich will nicht, ich wehre mich, Verse eines Lieds einschleichen: "einen bessern findest du nit, die Trommel schlug zum Streite, er ging an meiner Seite, im gleichen Schritt und Tritt."
Dies alles sei ..., er stockt, er fährt die Zunge über seine Lippen, wir folgen statt dessen seinen Armen, die weiter und immer weiter reisen, weit über den Platz hinaus. Ob er nicht wahr sei, dieser nach kompletter Zerstörung mittelalterlich aufgebaute Platz, ob diese ganze in den 50er Jahren entstandene Altstadt eine Erfindung sei, fragen wir dann doch nach, fahren mit dem Finger über das Vokabular des Wörterbuchs und strecken es ihm hin, prawda. Darauf richtet er sich ein wenig auf, die Wahrheit sei die Kirche, "ecclesia, comprende?", und zeigt nach hinten, zur Sakramentenkirche hin. Die Wahrheit, widersprichst Du ihm auf Deutsch, sei das Sammeln aus zweiter dritter vierter Hand. Durch je mehr Hände die Wahrheit gegangen sei um so besser. Das von einem Tonbandmitschnitt wieder und wieder Abgehörte, das von einem Film oder einer Fotographie aufs immer Neue Abkopierte, das von einem Ohr durch den Kopf hindurch aus dem anderen Ohr hinaus in das nächste Ohr und so weiter hinein Gesprochene. Wenn sich der Tonbandmitschnitt in die Nebengeräusche auflöst, das Kopierte in an den Rändern ausfransende Punkte, das Gesprochene in ein fernes Flüstern, dann, also dann, in dieser sich durch Wiederholung einschleichenden Unschärfe und diesem durch das angestrengte Hinsehen und Hinhören hervorgerufenen Schwindel, bei dem einem Hören und Sehen fast vergeht, könne zumindest eine Ahnung von wahr und unwahr ... Du verstummst, weil der Betrunkene auf Französisch Spanisch Polnisch immer lauter in deine Erklärungen eingegriffen hat. Ich sehe, wie sich der Schatten der Sakramentenkirche auf drei Alte gelegt hat. "Compris?", brüllt der Betrunkene. Alle drei tragen Kleider mit Blumen drauf, die an anderen Tage geblüht haben, in ihrer verwaschenen Blässe jedoch die Erinnerung an Wiesen im Frühling wachrufen. Sie stecken die Köpfe zusammen, schlagen die Beine übereinander, lassen einen Schlappen wippen, wiegen ihre Handtasche im einen Arm, der freie gestikuliert unterstreicht wehrt ab betont streicht über das Blumenkleid. "Kumacie?" Wir verstehen sie nicht, selbst wenn wir ganz nah bei ihnen zwischen ihnen säßen und an den Lippen hingen. Aber wir sehen gern hinüber, wie sie vom Schatten bewahrt werden, wie ihre Worte winzige Fäden spinnen, in die wir uns aus der Ferne hineinschwindeln, ein Schwindel, der einen Augenblick lang dem Gebrabbel und Gestank des bei uns Sitzenden standhält, selbst den unzähligen Fliegen trotzt, die auf uns hinabtorkeln, zwischen unsere Kleider kriechen, bis wir sie zerdrücken zerquetschen zerreiben und uns schließlich davonstehlen. Einen Handschlag samt "Do widzenia" des Betrunkenen bekommen wir mit auf den Weg, aber keinen Blick der drei Frauen, die sich sehen und damit Welt genug.

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