Russische Autorinnen und Autoren zu Gast in Düsseldorf

Es ist nun schon Tradition, dass das Gastland der Frankfurter Buchmesse auch in Düsseldorf vorgestellt wird: Nach Ungarn, Polen und Griechenland kommt in diesem Jahr Russland zu Wort. Die Lesekultur der Russen ist schon fast sprichwörtlich, westliche BesucherInnen staunten immer wieder über die Menschen, die gehend, stehend und sitzend, im Gedränge der U-Bahn oder beim Schlangestehen mit einem Buch beschäftigt waren.
Die Veränderungen des letzten Jahrzehnts wirkten sich auch auf die Literaturszene aus: Dostojevskij, Tolstoi oder Puschkin müssen sich den Platz in den Bücherregalen jetzt teilen mit Kriminalromanen und Trivialliteratur, aber auch die vom ehemaligen Regime nicht akzeptierten Bücher gelangen jetzt in die Hände der LeserInnen. Unzählige neue Buchläden und Verlage entstehen, Autoren wie Vladimir Sorokin und Viktor Pelewin begeistern, entsetzen und spalten die Gesellschaft, Krimiautorinnen wie Alexandra Marinina oder Polina Daschkowa behaupten sich international mühelos neben Henning Mankell oder Donna Leon und zeichnen ein - manchmal erschreckend realistisches - Bild der neuen russischen Gesellschaft.
Die Lesungen und Gespräche mit Michail Jelisarow, Dmitrij Prigow, Tatjana Tolstaja und Svetlana Vasilenko sowie ihren ÜbersetzerInnen werden Ihnen einen Eindruck vermitteln von der aktuellen Literaturszene in Russland: Welche Themen sind den heute Schreibenden wichtig, mit welchen Stilmitteln wird die moderne Zeit beschrieben und auf welche Weise gehen die Autorinnen und Autoren mit dem klassischen Erbe um?
Darüber hinaus wird der Düsseldorfer Autor, Übersetzer und Herausgeber Alexander Nitzberg zwei neue Bände präsentieren, die die Dichter der klassischen Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch einmal zu Wort kommen lassen.
Welche Spuren die russische Literatur im Film hinterlassen hat, zeigt zeitgleich eine von den Düsseldorfer Programmkinos organisierte Filmreihe.
Sie sind herzlich eingeladen, selbst zu sehen, zu hören und zu lesen: Es muss nicht immer Kaminer sein!

Heinrich-Heine-Gesellschaft
Heinrich-Heine-Institut
Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf
Literatur bei Rudolf Müller
Literaturbüro NRW e.V.
Kulturzentrum zakk

Sonntag, 5. Oktober 2003, 11 Uhr
Heinrich-Heine-Institut, Bilker Str. 12-14, 40213 Düsseldorf
Tatjana Tolstaja liest Kys
Den deutschen Text liest die Übersetzerin Christine Körner.
Eintritt € 6,-/ 4,- (ermäßigt)

"Willst du die Kunst erhalten, sag dem Puschkin Lebewohl. Entweder - oder. Doch Benedikt war geläutert und gestärkt und begegnete allem mit mehr Ruhe, und so traf er auch diese Wahl sofort, ohne sich zu besinnen: Die Kunst ist wichtiger."

Benedikt ist ein junger Mann, der gern von einem besseren Leben träumt. Blendend und gesund sieht er aus: eine Ausnahmeerscheinung in Fjodor-Kusmitschk, vor zweihundert Jahren noch als Moskau bekannt. Doch das war vor dem "Großen Knall", der das Leben grundlegend verändert hat. In der neuen Welt ist es zwar verboten, Bücher zu besitzen, aber es wird eifrig gelesen. Alle Werke, vom Klassiker bis zum Abzählreim, werden einem einzigen Autor zugeschrieben: dem Tyrannen Fjodor Kusmitsch. Benedikt, der als Schreiber täglich Meisterwerke zu kopieren hat, beginnt zu ahnen, dass es andere Autoren aus der Vorzeit gibt. Als er sich auf die Heirat mit der schönen Tochter des Geheimdienstchefs einlässt, gerät er in höchste Gefahr: Auf ihn lauert die Kys, ein katzenartiges Wesen in den Wäldern. Wer der Kys begegnet, dem werden Verstand und Seele geraubt.

Tatjana Tolstaja, 1951 in Petersburg geboren, stammt aus der Schriftstellerfamilie der Tolstojs. Sie studierte Altphilologie und war als Lektorin tätig. 1987 erschien in Moskau ihr erster Erzählungsband, der sie mit einem Schlag bekannt machte. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA ist sie nach Russland zurückgekehrt. Tatjana Tolstaja gilt international als eine der bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart.

Mittwoch, 7. Oktober 2003, 20.00 Uhr
Heinrich-Heine-Institut, Bilker Straße 12-14
Michail Jelisarow liest Die Nägel
Den deutschen Text liest Marco Kreye.
Eintritt € 6,-/ 4,- (ermäßigt)

"Ich kam bucklig zur Welt. Frucht egoistischer Verantwortungslosigkeit, Resümee trunkener Gier, Postfaktum eines vergifteten Vestibularapparat. Sie gaben mich nicht zu den Skoliose-Fällen, sondern behielten mich zum Spaß bei den Blöden."

Die beiden Findelkinder Gloster und Bachatow wachsen in einem Internat für geistig Behinderte auf. Der eine ist bucklig, der andere für debil erklärt, und einer kann nicht ohne den anderen, denn beide sind Teil einer "Gesamtpersönlichkeit". Von den Pflegern und der Heimleitung erfahren sie Häme und Brutalität. Gloster spielt zum Selbstschutz den ewig lachenden Dümmling, Bachatow überlebt dank seines ritualisierten und zu einem mystischen Ritual entwickelten Nägelknabberns. Gloster entdeckt bald, dass sein Buckel ein feinnerviges Gefäß für Töne und Klänge ist und ihn zu grandiosem Klavierspiel animiert. Öffentliche Auftritte, Berühmtheit und Geld folgen. Plötzlich jedoch versagt diese Gabe. Gloster ahnt, dass Bachatow dahinter steckt, der auf unerklärliche Weise umgekommen ist. Um das Rätsel von Bachatows Ende zu lösen, kehrt Gloster an den Ort zurück, wo ihre Freundschaft begann: in das Internat. Dort waren die Insassen immer paarweise umgekommen.

Michail Jelisarow, geb. 1973 in der Ukraine, studierte Philologie und an der Musikhochschule Gesang und arbeitete u.a. als TV-Regisseur und Kameramann. Heute lebt er in Hannover. Zitate aus seinen Erzählungen sind in der literarischen aus bereits zu Bonmots geworden. Die Nägel ist sein erster Roman.

Sonntag, 12. Oktober 2003, 11 Uhr
Heinrich-Heine-Institut, Bilker Str. 12-14, 40213 Düsseldorf
Svetlana Vasilenko liest Die Närrin
Den deutschen Text liest Alexander Nitzberg.
Eintritt € 6,-/ 4,- (ermäßigt)

"Woher bist du gekommen, woher bist du zu uns getrieben? Warum? Wir haben doch vorher ohne dich gelebt, woher kommst du, Nadjka?"

Die dreizehnjährige Nadjka kehrt in ihr Dorf zurück. Ein Floß bringt sie flussaufwärts, genau an die Stelle, an der sie vor Jahren ausgesetzt worden war. Der Bruder Marat rekonstruiert ihre Geschichte: Weil das Mädchen geistig behindert ist, hatte man sie ihrem Schicksal überlassen. Sie hatte als Heimkind gelebt, musste Spott und Brutalitäten über sich ergehen lassen, mit ansehen, wie ihr bester Freund, als er sich für sie einsetzen will, dafür büßen muss. Schließlich war Nadjka geflohen. Für die, die ihren Weg durch die Steppe kreuzten, trug sie die Züge einer mythischen Lichtgestalt, einer Wunderheilerin. Doch die Odyssee ist nicht vorbei. Es ist das Jahr 1962, inmitten der Kubakrise fürchtet man einen atomaren Schlag der Amerikaner. In Hysterie und Todesangst erwarten die Menschen das Ende. Marat fleht Nadjka an zu handeln.

Svetlana Vasilenko wurde 1956 geboren und wuchs in Kapustin Jar, einem sowjetischen Raumfahrtzentrum, auf. Sie studierte am Gorky-Literaturinstitut in Moskau und absolvierte eine Ausbildung als Filmdrehbuchautorin und Regisseurin. Svetlana Vasilenko ist Mitglied des russischen Schriftstellerverbandes und des russischen PEN.
Die Närrin ist ihr erstes Buch auf deutsch. 1998 wurde es für den Booker-Preis nominiert und mit dem Novij-Mir-Preis für den besten Roman des Jahres ausgezeichnet. 1999 wurde Svetlana Vasilenko der Nabokov-Preis verliehen.

Dienstag, 14. Oktober 2003, 19.30 Uhr
Literatur bei Rudolf Müller, Neustraße 38
Alexander Nitzberg stellt vor:
Sprechende Stimmen. Russische Dichter lesen
Selbstmörder-Zirkus: Russische Gedichte der Moderne
Eintritt € 6,-/ 5,- (ermäßigt)

Gleich zwei neue Bände hat der Schriftsteller, Übersetzer und Rezitator herausgegeben: Für den im Reclam-Verlag Leipzig erschienenen Band Selbstmörder-Zirkus hat Nitzberg 98 Gedichte von 44 Autorinnen und Autoren, in denen der Selbstmord als letzter Ausweg thematisiert wird, zusammengetragen und selbst übersetzt. Ein Dämon ging um in Russland - der Dämon des Suizids. Alle in dem Band versammelten Dichter beschäftigten sich in ihren Versen mehr oder minder intensiv mit selbstmörderischen Absichten. Die Dichtung des Scheiterns hat nicht nur Tragik, sondern auch den Reiz eines riskanten, verbotenen Spiels.

Die im DuMont-Verlag erschienene CD Sprechende Stimmen. Russische Dichter lesen bietet dem deutschen Publikum zum ersten Mal die Gelegenheit, die wichtigsten Dichterinnen und Dichter der russischen Moderne wie u.v.a. Anna Achmatova, Alexander Blok, Vladimir Majakovskij oder Lev Tolstoi mit eigener Stimme kennen zu lernen. Nitzberg hat in russischen Archiven Lyrikphonogramme entdeckt und die künstlerisch wertvollsten auf dieser CD vereint. Den deutschen Texten leiht er selbst seine Stimme.

Alexander Nitzberg, geb. 1969 in Moskau, lebt als freier Schriftsteller in Düsseldorf. Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien. Von ihm übersetzt liegen mehr als 15 Bände russischer Literatur vor.

Donnerstag, 16.Oktober 2003, 20.00 Uhr
Kulturzentrum zakk, Club
Dmitrij Prigow liest Lebt in Moskau!
Den deutschen Text liest die Übersetzerin Dr. Sabine Hänsgen.
Eintritt € 6,-/ 4,- (ermäßigt)

Dimitrij Prigow, Avantgardist, Sprachperformer, Postmodernist und einer der wichtigsten Vertreter des Moskauer Underground, liest aus seinem neuesten Roman Lebt in Moskau!. Der Autor erzählt seine frühesten Kindheitserinnerungen: wie die deutsche Luftwaffe Moskau bombardiert, deutsche Kriegsgefangene in riesigen Kolonnen durch die Stadt getrieben werden, vom Leben der Pioniere und von den Formen der grenzenlosen Bewunderung für Stalin über seinen Tod hinaus, von den Zuständen in einer Moskauer Gemeinschaftswohnung mit gemeinsamem Schlangestehen vor der Toilettentür und kollektivem Rattenmorden oder davon, wie Chruschtschow den Dichter Wossnesnzkij in einem wilden Gelage verspeist und wie Gorbatschow alle Alkoholiker der Stadt spurlos verschwinden lässt.
Lebt in Moskau! ist ein Delirium mit und ohne Alkohol, eine surrealistische Apotheose Moskaus, die mehr über die Stadt aussagt, als jede realistische Beschreibung es leisten könnte.

Dmitrij Prigow, geb. 1940, lebt in Moskau. Er ist Dichter, Künstler und einer der Begründer des Moskauer Konzeptualismus. Seine Gedichtzyklen über den Milizionär und über die Küchenschabe gehören zu den bekanntesten Texten des ehemaligen literarischen Underground.

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