Metropolenschreiber

Der deutschen Gegenwartsliteratur wird immer wieder bescheinigt, sie besitze zwar einen hohen Reflexionsgrad, es mangele ihr aber an Welterfahrung. Oft trifft dies tatsächlich zu. Nicht zufällig rufen gerade die Verantwortlichen der großen Medienanstalten nach mehr content.

Von großer Bedeutung ist es daher, andere Sprachen und Lebensweisen gründlich kennen zu lernen. Am besten gelingt dies in den Metropolen, da sich in ihnen Kulturen kristallisieren. Das Literaturbüro NRW e.V. wird von 2003 ab nordrhein-westfälische Autorinnen und Autoren für jeweils 2-3 Monate in eine Weltstadt schicken. In jeder Stadt wird dem Schreibenden für den Zeitraum seines Aufenthaltes eine Wohnung zur Verfügung gestellt.

Da ein kultureller Dialog keine Einbahnstraße ist, werden die Schreibenden in den gewählten Städten nicht nur Neues erfahren und das dann mit zurück nach NRW nehmen, sie werden zugleich auch in diesen anderen Ländern die Qualität der eigenen Arbeit vorstellen und damit als kulturelle Botschafter Nordrhein-Westfalens fungieren. In den ausgewählten Städten präsentieren sich die Autorinnen mit Lesungen; ideal wäre ein wechselseitiger Austausch auch mit anderen Kunstsparten.

Die Aufenthalte in den Metropolen sollen natürlich zu sichtbaren Resultaten führen. Jede Autorin und jeder Autor wird monatlich einen kurzen Text verfassen, der im Internet veröffentlicht wird. Gedichte, Essays, Erzählungen etc., die durch den Aufenthalt angeregt wurden, werden nach der Rückkehr in einem Periodikum veröffentlicht.

Metropolenschreiber 2003: Roland Koch in Paris

Mitte Juli bis Mitte September lebte der Kölner Schriftsteller Roland Koch als erster Metropolenschreiber in Paris leben und arbeiten. Roland Koch, geboren 1959, veröffentlichte bei Kiepenheuer & Witsch zahlreiche Kurzgeschichten, den Erzählband Helle Nächte (1995) sowie die Romane Die tägliche Eroberung (1991), Das braune Mädchen (1998), und Paare (2000). 2002 gab er die Anthologie Der wilde Osten. Neueste deutsche Literatur heraus. In Kürze erscheint der Roman Ins leise Zimmer. Koch erhielt neben vielen anderen Stipendien und Preisen den Bettina-von-Arnim-Preis (1995), das Aufenthaltsstipendium im Künstlerdorf Schöppingen (1996), das Arbeitsstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen (1997) und das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen (2000).

Darüber hinaus hatte er 1998/99 und 2001 eine Gastprofessur am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und leitet Seminare im Rahmen der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Momentan ist Koch Stadtschreiber in Minden.

Auf Vermittlung von Frau Borsdorf vom Düsseldorfer Institut Francais konnten das dortige Goethe-Institut (Herr Strauss) und das Maison des Écrivains für eine Zusammenarbeit gewonnen werden. Roland Koch lebte in einem Appartement des Pariser Goethe-Institutes und konnte durch die Mitarbeiter des Institutes auch weitere Kontakte zur Kunstszene der französischen Metropole knüpfen. Im Vorfeld hatten wir uns mit Alain Lance, dem Leiter des Maison des Ècrivains, in Verbindung gesetzt. Auch hier war das Interesse an dem deutschen Gast groß.

Obwohl sich Paris im Juli und August nicht nur ein wenig im "kulturellen Sommerloch" befand sondern zusätzlich in diesem Jahr durch die große Hitze gelähmt wurde, was die Einbindung des Autors in das kulturelle Leben der Hauptstadt etwas erschwerte, scheint mir der gewählte Zeitpunkt nicht ungünstig: Kochs in Paris entstandene Texte spiegeln einen ziemlich ambivalenten und von den Erwartungen mancher sicher abweichenden Eindruck wider, die Stadt hat sich deutlich nicht nur mit ihren Stärken, sondern auch mit ihren Schwächen präsentiert.

Einige der in Paris entstandenen Impressionen von Roland Koch können Sie hier nachlesen.

Wir freuen uns sehr, dass das Metropolenschreiberprojekt mithilfe der Kunststiftung NRW im nächsten Jahr fortgesetzt und sogar erweitert werden kann: Christof Hamann (Wuppertal) wird Metropolenschreiber in Warschau und Katrin Askan (Köln) wird zwei Monate aus dem katalanischen Barcelona berichten.

Einige der in Paris entstandenen Impressionen von Roland Koch

Im 16. Arrondissement
von Roland Koch

Ich komme ein wenig unzufrieden aus Paris zurück. Nicht wegen der Hitze, der erschreckend vielen einsamen Alten, die allein in ihren Wohnungen gestorben sind, der schlechten Luft, der vielen Touristen. Die Stadt, die ich seit langem kenne, hat sich wieder verändert. Oder liegt es nur an dem Viertel, in dem ich jetzt wohne?
Für mich ist Paris in diesem Sommer 2003 eine Hauptstadt der Unfreundlichen und Rücksichtslosen, des harten, hemmungslosen Drängelns, der Schlangen, der verhöhnten Touristen. Die Hauptstadt des Autoverkehrs, der Glorifizierung der schnellen Limousinen. Da können die Deutschen längst nicht mehr mit. Seit es keine Enten und R4s mehr gibt (die sind wirklich völlig verschwunden), seit nur noch gerast wird, mörderisch, ist mir die Stadt weniger sympathisch. Die Pariser sind in manchem Sinne die besseren Deutschen geworden. Sie polieren ihre makellosen 607er, wie mancher hierzulande früher seinen Opel Rekord.
Eine Auskunft, ein Danke, ein Lächeln? Sobald die Pariser merken, da jemand nicht akzentfrei französisch spricht, ist der andere als Gesprächspartner erledigt. Kaum jemand unterwegs, der nicht ein Handy ans Ohr hält. Motorräder, die auf der Straße nicht weiterkommen, weichen eben auf die Bürgersteige aus. Es wird g eschubst und gedrängelt, aggressiv "Pardon" gezischt.
Abends sitze ich auf der Terrasse des Palais de Chaillot, sehe den Touristen zu, die sich vor dem Eiffelturm fotografieren lassen, und denke manchmal auch an Minden.
Einmal steige ich an der Kirche St-Philippe du Roule aus, in der Balzac begraben ist, gehe bis zum Park Monceau, in dem Proust spazieren ging. Auch hier ist es still und teuer. Ich bin bei einem Maler eingeladen, der in der vornehmen Wohnung sein Atelier hat und mir seine Bilder zeigt. Eine Insel. Wir sprechen nicht gut über Paris. Dieser Abend versöhnt mich etwas.

Im 16. Arrondissement
von Roland Koch

Ich komme sehr nachdenklich aus Paris zurück. Nicht nur wegen der vielen einsamen alten Leute, die in der Hitze gestorben sind. Nicht wegen der schlechten Luft, der vielen Touristen. Die Stadt, die ich seit langem kenne, hat sich wieder verändert.
Vielleicht liegt es an der Umgebung, dem teuren und gepflegten Viertel, in dem ich jetzt wohne? Die Concierges polieren morgens mit großen weichen Lappen die Messingbeschläge und -griffe der Haustüren. Auf der Straße abwechselnd 607er, BMW, Mercedes. Sie kommen aus den Tiefgaragen und verschwinden dort wieder. Die meisten Hausbewohner sind jetzt, in der Ferienzeit, nicht zu sehen, vielleicht sind es reiche alte Leute, die sich ihre Einkäufe ins Haus bringen lassen? Eine Eigentumswohnung wird für 2,5 Millionen Euro angeboten. Es sind auch nicht diese stilvollen, diskreten, abweisenden Häuser, die mich irritieren.
Paris war schon lange eine Metropole des Autoverkehrs, das ist seit den 50er Jahren so, und das mörderische Rasen kennt jeder, der auf der Fahrt in den Urlaub über Paris fahren muß. Früher galt es in Frankreich in bürgerlichen Kreisen als Todsünde, eine protzige deutsche Limousine zu fahren, hier im 16. Arrondissement scheint heute der Daimler-Chrysler-Konzern seine besten Geschäfte zu machen. Seit es keine Enten und R4s mehr gibt (die sind wirklich völlig verschwunden), ist auch der Autoverkehr unsympathischer geworden. Ich sehe die polierten, glänzenden, beulenfreien Limousinen, auch die Geländewagen der Premium-Klasse der einschlägigen Marken scheinen sich gut zu verkaufen und besonders bei Frauen beliebt zu sein. Die Franzosen sind, zumindest hier, die besseren Deutschen geworden. Sie pflegen ihre Oberklassemodelle, wie früher hierzulande mancher seinen Opel Rekord oder Ford Granada. Sogar das Benzin ist in Frankreich billiger als in Deutschland!
Die Stadt hat an der Seine Liegestühle aufgestellt und dafür eine Uferstraße gesperrt, was natürlich nichts an der Masse der Autos ändert. Mein Traum: ein Tag, an dem in Paris keine Autos fahren dürfen. Ein Paris ganz ohne Autos! Métro, Fahrräder würden ausreichen. Die Stille, die plötzlich den Blick für die Stadt öffnen würde. Die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts wäre wieder der Ort der höchsten Lebensqualität.
Der 607 wird für mich zum Wahrzeichen des neuen Paris. Glatt, elegant, angepaßt, überall einsetzbar, umweltschonend. Der Partikelfilter! Die Franzosen haben die Deutschen schließlich sogar in ihrer ureigensten Disziplin überholt.
Das neue Paris, die Gegend, in der ich mich hier bewege, ist eine ungemein disziplinierte, effiziente Stadt. Alles funktioniert, jeder funktioniert, kaum jemand ist unterwegs, der nicht gleichzeitig ins Handy spricht. Die Menschen erscheinen wie abgerichtet. Es ist, als würde jeden Morgen frisches, junges Menschenmaterial in die Büros geschickt, um sich zu verschleißen. Die Vorteile der diktatorischen Stadtpolitik sind auch klar. Es gibt keine großen Supermärkte, kein McDonalds, keine Billigkettenläden im Viertel. Die Häuser sind im selben Stil belassen und renoviert. Eine klare, einheitliche Linie.
Die Disziplin, die Härte, mit der alles reibungslos läuft und streng geregelt wird, hat auch etwas Autoritäres. Ja, das Land war schon immer undemokratisch, denke ich, hart regiert, voller autoritärer Strukturen. Jetzt ist es das Diktat des Autoverkehrs, der Autoindustrie. Peugeot und Renault sind die erfolgreichsten europäischen Firmen. Dieses Straffe, das die Pariser haben. Früher waren sie wenigstens schludriger gekleidet.

Der neue französische "Pazifismus", woher soll er plötzlich kommen, er scheint mir auf tönernen Füßen zu stehen, ich traue ihm nicht recht.
Ich besuche die Kirche, in der Balzac beerdigt ist, ich finde den kleinen Park, in dem Proust spazierenging, auch hier alles ordentlich, vornehm. Abends, ich sitze auf der Terrasse des Palais de Chaillot, ganz in der Nähe meiner Wohnung. Hier hat man einen schönen Blick über die Stadt, ich sehe den Touristen zu, die sich vor dem Eiffelturm fotografieren lassen, ab und zu werde ich gebeten, ein Gruppenfoto zu machen. Ein paar fliegende Händler verkaufen Schlüsselanhänger. Die Treppenstufen glühen vor Hitze. D as alte Paris, ich kann es nicht mehr finden.

Paris, 16. Arrondissement, rue de Lubeck, 18. 7., morgens.
von Roland Koch

Das stetige Plätschern, das die ganze Nacht über durch das weit geöffnete Fenster zu hören ist und das ich für einen privaten Pool gehalten habe, entpuppt sich später als künstlicher Bach in einem buddhistischen Tempelgarten. Nebenan liegt das Museum mit ostasiatischen Schätzen. Auf seiner Dachterrasse trainiert ein älterer Mann mit Hanteln. Aus dem Schacht einer Klimaanlage weht warme Luft. Auf der Straße abwechselnd 607er, BMW, Mercedes, hier ist die Stadt oder das Viertel der großen Limousinen. Sie kommen aus den Tiefgaragen und verschwinden dort wieder. Vor dem tunesischen Generalkonsulat stehen lange Schlangen, endlich auch ein paar alte Autos mit Wartenden. Die schmiedeeisernen Balkongitter, die Hitze, das Wasser, das durch die Rinnsteine läuft. Ein Hauch Algier. Zwei Frauen fragen nach dem Weg zum Eiffelturm. Sie glauben nicht, daß sie nur ein paar hundert Meter davor stehen. Ihre Bitte, sie zusammen zu fotografieren, als sei das etwas Intimes, Peinliches, ein Wunsch, den man eigentlich einem Fremden gegenüber nicht äußert.
Die Concierges polieren mit großen weichen Lappen die Messinggriffe und -beschläge der Haustore. Überall wird renoviert und gestrichen. Die Hausbewohner sind, jetzt, in der Ferienzeit, nicht zu sehen, vielleicht sind es reiche alte Leute, die diskret und allein leben, sie lassen sich ihre Einkäufe ins Haus bringen. Die Straßennamen sollen an die französischen Siege erinnern. Eine Schlacht in Lübeck?
Kaum jemand ist unterwegs, der nicht ein Handy ans Ohr hält. An der Seine sollen Liegestühle aufgestellt werden. Um die Ecke wird ein großer Markt aufgebaut, die ersten Touristenbusse halten am Palais de Chaillot. Von dessen Terrasse aus kann man sich wunderbar vor dem Eiffelturm fotografieren lassen. "What the hell is Trocadero?" fragt ein Amerikaner laut.

Paris im Hochsommer
von Roland Koch

Paris im Hochsommer. Warum denke ich an Minden? An das alte Paris, das es nicht mehr gibt? Noch weiß ich nichts von 13000 Hitzetoten. Ich sitze auf der Terrasse des Palais de Chaillot. Lauter junge Mädchen. Hellbunte Flip-Flops, dünne Sandalen, zwei Paar verschiedenfarbige Träger übereinander, BH und Top. Was suchen sie hier? Warum lassen sie sich vor dem Eiffelturm fotografieren? Ihre Aura, ihr Duft. Sie wollen etwas Besonderes. Sie werden sich daran erinnern, als Frauen, wie sie in diesem Jahr in Paris waren, mit ihren Freundinnen, als alles offen war, sie sich noch begeistern konnten. Ich würde es ihnen am liebsten sagen. Ich beneide sie. Besuch in einem Atelier. Ein luxuriöses Haus, eine elegante, großzügige Wohnung, in der Nähe ist Balzac in einer Kirche begraben, ging Proust im Park spazieren. Der Maler ist ein freundlicher, ausgeglichener, sanfter Mann, er ist mir sofort sympathisch, weil er leise spricht. Weder Deutsch noch Französisch sind seine Muttersprache, aber daran liegt es nicht. Wir trinken etwas, dann zeigt er mir seine Bilder. Seine Frau wirft sanft ein paar Hinweise ein. Ich stehe im Atelier, beinahe schwankend, der Alkohol auf leeren Magen, die Hitze. Eine leichte, inspirierende Stimmung geht von den Bildern aus, sie sind nicht schwer zu verstehen. Man muß nur sehen können. Ich mag sie, aber suche noch etwas anderes darin. Ich lobe sie. Einige kleinere gefallen mir am besten. Eine leichte Traurigkeit kommt auf. Die Wohnung, die Bilder, meine Resonanz auf die Gemälde? Etwas zwischen den beiden? Man fühlt sich wohl in dieser Traurigkeit. Beim Essen reden wir nicht gut über das kalte, globalisierte Paris, das wir alle drei nicht lieben. Wir verstehen uns.

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