Thomas Hoeps

Geb. 1966 in Krefeld. Germanistikstudium in Düsseldorf und Dresden. Promotion über Terrorismus in deutscher Prosa. Hoeps lebt und arbeitet als Geschäftsführer des Kulturraums Niederrhein, Literaturveranstalter und freier Schriftsteller in Krefeld. Veröffentlichungen u.a.: gib dem onkel die hand (die schöne)! (1997), Pfeifer bricht aus (1998), Bacon-Notate (2001). 1995 erhielt Hoeps den Förderpreis für Literatur der Stadt Düsseldorf und 1999 den Nettetaler Literaturpreis.

 

Kleists Novellen (Das Erdbeben in Chili)

Es geht alles seinen geregelten Gang. Die Erde bebt, die Paläste der Herrschenden stürzen ein, das Chaos regiert, und plötzlich beginnen die Menschen einander zu helfen - gleich welchen Standes, gleich welcher Überzeugung - Mensch sei Mensch. Zwei Tage lang. Dann haben die Repräsentanten der alten Ordnung den Schutt aus den Befehlskanälen geräumt und füllen die Ohren der Leute mit vertrauten Urteilen. Die Menschen lieben diesen Klang der Ordnung. Sogleich finden sich hinreichend Gedemütigte, ihren aufgestauten Haß auszutoben. Die Kultivierten in den Logen drumherum entladen den ihren zitternd vor Lust im gebannten Blick auf das Spektakel der Tortur.
Es ist etwas zutiefst Beunruhigendes an Kleists Novellen, die ich, Anfang 20, zum ersten Mal las. Zunächst ist da ihr faszinierender, atemberaubender Stil: welche Präzision der Schilderung und zugleich: welch in sich verschachteltes Gebirge von Grammatik. Allein über die Form führt Kleist die ungeheure Anstrengung vor, derer es bedarf, der Welt einen Sinn zu konstruieren.
Was mich bei jeder Lektüre am meisten und stets auf's Neue verstörte - das war die Selbstverständlichkeit, mit der hier Verrat und Verbrechen geschehen. Anflüge moralischer Empörung des Erzählers verflüchtigen sich sogleich als Wendungen einer Ironie, die nichts Versöhnendes an sich hat, sondern im Bodenlosen gründet.
Eichendorff hat in Sachen Kleist geschrieben: "Hüte Jeder das wilde Tier in seiner Brust, daß es nicht plötzlich ausbricht und ihn selbst zerreißt." Auch ihm war klar, daß Inhumanität nicht die Ausnahme, sondern der Regelfall menschlicher Existenz ist. Seine Überzeugung, man könne das durch festen "Glaubensmut" verhindern, ist einer von vielen Irrtümern, denen die Figuren in Kleists Novellen unterliegen. Kleist zeigt, wie das "wilde Tier" sowohl andere als auch sich selbst zerreißt, und wie danach sofort die große Verschleierungsmaschinerie angeworfen wird. Er zeigt es kalt und ohne jede falsche Hoffnung auf Besserung. Heiner Müller hat einmal bei einer Talkshow auf die Frage, wie sich Vaterschaft mit negativem Weltbild vertrage - süffisant geantwortet: Objektiv gebe es natürlich keine Hoffnung, im Subjektiven leiste er sich diesen Luxus.
Es ist ein Luxus, der einen von der Fahrt zum Wannsee abhält.

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