Michael Lentz

1964 in Düren geboren (Deutschland, Nordrhein-Westfalen). Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Aachen und München. 1998 Promotion mit einer Arbeit über Lautpoesie/-musik nach 1945. Seither Autor, Musiker (Sprecher, Saxophonist) und Interpret von experimentellen Texten und Lautgedichten. Schüler des Komponisten Josef Anton Riedl. Seit 1989 in dessen Ensemble. 2002 Ernennung zum Ordentlichen Mitglied der Freien Akademie der Künste zu Leipzig. Lebt seit 1987 in München.
Sprechakte für verschiedene Besetzung, uraufgeführt u. a. bei Klang-Aktionen, Neue Musik München, Tage für Neue Musik Rottenburg am Neckar, Kryptonale (Berlin), Innehalten - Dieter Schnebel 70: zuletzt: arance dal marocco (Text-Sound Composition) für 4 akustische und 5 elektrische Gitarren, Sampler, Talkbox, Sprechen live und CD, CD-Einspielung [2001] (zusammen mit Zoro Babel) Kurator der seit Januar 1996 bestehenden Veranstaltungsreihe "SOUNDBOX. Akustische Kunst" in Salzburg und München: akustische Literatur, Lautpoesie, Lautmusik, improvisierte Musik, Experimentalfilme. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften, Katalogen, im Internet, auf CD sowie im Rundfunk und Fernsehen (BR, ZDF, ORF, 3sat).

Ich kann Virginia Woolf nicht mehr lesen

Ich kann Virginia Woolf nicht mehr lesen. Ich habe Angst vor Virginia Woolf. Es gibt kein Buch von ihr, das ich noch lesen kann. Nach der Lektüre ihrer Biographie, ein Trugschluss, eine sogenannte Biographie lesen zu können, wir können eine Biographie überhaupt nicht lesen, wir können höchstens unsere eigene mitgeschleppte Biographie leben, und das scheint schon zuviel verlangt, nach der Lektüre ihrer Biographie ist mir das Virginia-Woolf-Lesen völlig unmöglich geworden, mir ist Virginia Woolf abhanden gekommen, und das, was mir Angst macht, ist der von ihr erahnte, vorerahnte, vorerfahrene Zusammenbruch nach Abschluss einer längeren Arbeit, der dann auch in der Tat eingelöst wurde, der Zusammenbruch. Die intensiv unternommene Lektüre Virginia Woolfs, Die Fahrt zum Leuchtturm (1927), Orlando. Geschichte eines Lebens (1928), Die Wellen (1931), Die Jahre (1936), musste ich nach der Lektüre ihrer Biographie aussetzen. Monologisierendes, Umkreisendes, insistierendes Zeitempfinden, das mir in der Ferne nah ist, das in der Erinnerung geblieben ist. Virginia Woolf heißt, dass man nicht ganz unbeschädigt bleiben muss. Es ist aber noch nicht ausgemacht, ob die Psyche an der Poesie oder umgekehrt, die Poesie an der Psyche so Teil hat, dass sie in die andere ganz eindringt, sie von Innen her besetzt. Vorerlebtes Scheitern, und die Literatur als Abarbeiten des Scheiterns, als Aufschub. Die Begegnung mit einem anderen ist schon Gewaltanwendung, Lektüre ist schon Gewaltanwendung, Robert Walser hat mir nie Angst gemacht, Franz Kafka macht mir manchmal Angst, Der Räuber von Robert Walser ist mein Lieblingsbuch, Gehen von Thomas Bernhard ist mein Lieblingsbuch, Der Räuber ist mein Lieblingsbuch, weil ich mit dem Räuber nach vielfacher Lektüre noch lange nicht fertig bin, Gehen ist mein Lieblingsbuch, weil Gehen die Tätigkeit des Lesens ausgelöst hat, Watt von Samuel Beckett ist mein Lieblingsbuch, weil es das ganz Andere des Alltags ist, von durchtriebener Klarheit, verquerer Durchtriebenheit. Ich kann Virginia Woolf nicht mehr lesen.

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