Liane Dirks

Liane Dirks, 1955 in Hamburg geboren, ist seit 1985 freie Schriftstellerin. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen, darunter das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln und den Märkischen Literaturpreis. Sie lebt mit ihren beiden Töchtern in Köln. Bisherige Veröffentlichungen: "Die liebe Angst", Roman 1986."Und die Liebe? frag ich sie", Roman 1998. "Vier Arten meinen Vater zu beerdigen", Roman 2002.

 

Liane Dirks über Ossip Mandelstam: "Vierte Prosa"

Was für ein Ansatz! Jetzt schlage ich das Buch wieder auf und denke, wie damals, als ich es zum ersten Mal las: das ist es, der ganz große Sprung! Über alle Hürden unserer Sprache, unserer Gewohnheit, unseres Denkens, hinaus, höher und weiter, weg.
Ossip Mandelstam ist am Ende immer weg, obwohl er mit wenigen Sätzen manifestiert, dass er ganz und gar da ist. Wie macht er das? Und womit?
"Vierte Prosa", so nennt er Notizen aus den Jahren 1929/30, glaube bloß keiner, dass es "erste" oder "zweite" Prosa gebe, nur "vierte" gibt es: "Es ist soweit gekommen, dass ich im literarischen Handwerk nur noch das wilde Fleisch schätze, nur den wahnsinnigen Auswuchs ..." so eröffnet er eine Seite und dann legt er los, hetzt auf angepasste Schriftsteller, die man wegsperren sollte mit einem "Glas Polizeistubentee" und der Urinprobe eines Zensors in der Hand, sie sollten weder heiraten noch Kinder kriegen dürfen. Und wenn er fertig ist, mit seiner komprimierten Empörung, seiner ungeschützten Wut, unten drunter der eine Satz: "So weit ein Seitchen Literatur."
Mandelstam war Dichter und die 4 ist eine heilige Zahl. In der Alchemie steht sie für Verwandlung. Das 4. Element, aus Dreck wird Gold. Welches ist es? Sicher ist, welches die Folgen waren für seine ungebührlichen Texte: Verfolgung, Verhaftung, Tod. In Sibirien starb er. Der Poet mit den hitzigen Worten, getötet im Eis.
Ich las die "Vierte Prosa" bevor ich anfing zu schreiben. Das war mir eine Lehre, die mir heute noch und mehr denn je Respekt einflößt. Ich wusste nämlich ziemlich gleich, was die Nummer Vier ist: er. Und wenn ich Schriftstellerin werde, dann bin das ich. Schreiben mit Ganzkörpereinsatz, jawohl, volles Risiko, das ganze Leben gehört da rein, dann erst wandeln sich die Worte.
Vielleicht hat er deshalb auch den schlimmsten aller Zustände ertragen und war doch und gerade deshalb einer der größten Dichter: "Ich habe keine Manuskripte, keine Notizbücher, keine Archive. Ich habe keine Handschrift, weil ich niemals schreibe. Ganz allein in Russland arbeite ich nach meiner Stimme, ...."
So weit kann das also gehen. Das ist Schreiben.

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