Katrin Askan

Katrin Askan, geb. 1966 in Berlin, lebt seit 1998 als freiberufliche Schriftstellerin in Köln. Bislang erschienen von ihr die Romane "A-Dur" (1996), "Eisenengel" (1998), "Aus dem Schneider" (2000) sowie ein Band mit Erzählungen, "Wiederholungstäter" (2002), im Berlin Verlag.

Weitere Informationen unter www.katrin-askan.de

K. und die Pangeometrie

Mit achtzehn hielt ich den Europa-Almanach zum ersten Mal in den Händen, den Nachdruck von 1984, leider nicht das 59 Jahre ältere Original. Carl Einstein und Paul Westheim hatten ihn einst herausgegeben: eine Sammlung von Gedichten, Gedanken und Geschichten zur europäischen Malerei, Literatur, Musik, Architektur, Plastik, Bühne, Film und Mode. Bereits beim Blättern blieb ich bei einem Beitrag mit dem Titel: K. und die Pangeometrie (K. = Kunst) von El Lissitzky hängen. Eine der Skizzen, die in den Text eingefügt sind, berührte mich stark. Sie illustriert die "chinesische" Darstellungs-Perspektive, bei der die Spitze der Sehpyramide nicht, wie wir es gewohnt sind, auf den Horizont projiziert, sondern ins Auge des Betrachters verlegt ist. Der abgebildete Gegenstand, in diesem Fall ein Tisch mit Vase, verengt sich demzufolge vorne und erweitert sich nach hinten; die Begrenzungen des Raumes laufen auseinander, statt zusammen.
Damals wurde mir klar, dass die Wirklichkeit auf ganz verschiedene Weise wahrgenommen werden kann, je nachdem, aus welchem Blickwinkel sie betrachtet wird.
Als ich das Buch jetzt wieder hervor hole, fällt eine Postkarte heraus. Das Foto auf der Vorderseite ist von Jean-Claude Larrieu, es heißt Le lit défait. Zu sehen ist ein Doppelbett. Die eine Seite ist zerlegen, die andere unbenutzt; ein Tablett mit Frühstücksgeschirr steht darauf. Als ich die Karte vor vielen Jahren kaufte, dachte ich, dass hier ein Paar nur eine Seite des Bettes für die Nacht gebraucht habe. Als ich das Foto nun neuerlich betrachte, entdecke ich auf dem Tablett nur eine einzige Tasse. Ein Buch liegt daneben, das jemandem über eine schlaflose, einsame Nacht hinweg geholfen haben könnte. Ich schiebe die Karte wieder ins Europa-Almanach zurück, zwischen die Seiten mit der umgekehrten Sehpyramide. Wieder einmal bin ich belehrt darüber, dass nicht nur Anschauung eine Sache der Perspektive ist. Sondern Bedeutung auch.

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