Horst Eckert

Geb. 1959 in Weiden (Oberpfalz). Studium der Politischen Wissenschaft in Erlangen und Berlin. Seit 1987 lebt und arbeitet er in Düsseldorf als Schriftsteller und Fernsehjournalist. Veröffentlichungen u.a.: Annas Erbe (1995), Bittere Delikatessen (1996), Finstere Seelen (1999), Die Zwillingsfalle (2002) Ausgezählt (2002). Eckert wurde u.a. mit dem renommierten Glauser-Preis ausgezeichnet

 

Sie lebt

Ich gestehe, dass ich kaum jemals ein Buch zweimal gelesen habe. Ausnahmen sind die "Der Mann mit der Ledertasche" von Charles Bukowski und die "Trilogie des laufenden Schwachsinns" von Eckhard Henscheid. Und "Die Schwarze Dahlie" des Amerikaners James Ellroy. Letzteres ist die Geschichte von Bucky, Lee und ihrer gemeinsamen Freundin Kay sowie einem Mordfall, der das Leben der Drei erschüttert. Angesiedelt in Los Angeles am Ende der vierziger Jahre, also weit genug entfernt, um ein Großstadtpanorama und Sittengemälde zu entwerfen, in dem fast alle Schlechtigkeit der Welt auf die Spitze getrieben wird und wir dennoch glauben können, dass es damals so gewesen sein könnte. Ellroy knüpft dabei an einen realen Mordfall an und hat einen zweiten stets im Hinterkopf, den an seiner Mutter im Jahr 1958. Ihr hat er das Buch gewidmet, als "in Blut geschriebenes Lebewohl".
"Die Schwarze Dahlie" wurde mir 1988 von einem Freund empfohlen, in dem Jahr also, in dem der Roman auf Deutsch erschien. Was mich von der ersten Zeile an packte, war der Ton: prall, konzentriert und begleitet von einer Gefühlskraft, die stets am Rand zur Sentimentalität balanciert und trotzdem nie abrutscht. Keine Kälte oder Ironie, die uns sichere Distanz wahren lässt, sondern eine Unmittelbarkeit, die uns verschmelzen lässt mit Bucky, dem Ich-Erzähler. Wie im Rausch las ich mich durch das perfekt konstruierte Werk und bin noch heute überzeugt, dass die "Dahlie" einer der besten Kriminalromane überhaupt ist und damit auch ein herausragendes Stück Weltliteratur.
Im gleichen Jahr erschien auf Deutsch "Roter Drache" von Thomas Harris, in meinen Augen der zweite epochemachende Kriminalroman der Achtziger. Seitdem bin ich keinem Roman begegnet, der das Genre weiter vorangetrieben hätte als diese Beiden. Doch verglichen mit "Roter Drache" ist die "Dahlie" das Werk, das literarisch mehr riskiert, und, weil Plot, Charaktere und Sprache stimmen, auch gewinnt. Leider hat sich Ellroy später auf einen für meinen Geschmack manirierten Telegrammstil verlegt und auf ein anderes Genre, den Politthriller. Er schreibt noch immer sehr gut, aber die alte Größe hat er nicht wieder erreicht.
Als ich 1994 begann, Kriminalromane zu schreiben, waren nicht Vorbilder der Anstoß, sondern an all die mittelmäßigen Autoren, über deren Fehler und Schwächen ich mich beim Lesen oft geärgert hatte. Ich wollte es besser machen. Dass es ging, hatten Bücher wie die "Dahlie" bewiesen.
Vor ein paar Jahren nutzte ich eine längere Autofahrt, um der "Dahlie" wieder zu begegnen. Ich hatte mir das Hörspiel gekauft, das der WDR nach Ellroys Buch produziert hatte. Und da war es wieder, das Gefühl, mit Haut und Haar in die Geschichte gezogen zu werden. So sehr, dass ich auf der A3 am Elzer Berg sämtliche Warnschilder übersah, geblitzt wurde und den Führerschein verlor.
Nach einer Lesung in Köln signierte mir der Autor das Buch mit den Worten: "To Horst: She lives!" Und es stimmt, sie ist lebendig - das ermordete Mädchen, das man "Die Schwarze Dahlie" nannte, lebt aufgrund der erzählerischen Kraft James Ellroys in unseren Herzen weiter. In diesem Sinn hat mich dieses Buch bis heute begleitet.

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