Hermann Schulz

Hermann Schulz, geboren 1938 in Ostafrika, leitete von 1967 bis 2001 den Peter Hammer Verlag in Wuppertal. Nach Sachbüchern erschienen seine Romane Auf dem Strom (1998), Iskender (1999), Sonnennebel (2000), Flucht durch den Winter (2002). 2003 wird Im Haus des Vaters erscheinen; alle im Carlsen-Verlag Hamburg. Kinderbücher: Sein erster Fisch (2000) und Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt (2002, beide Peter Hammer Verlag); Übersetzungen in Frankreich, Holland, Japan, Norwegen, Korea. Kurzgeschichten in mehreren Anthologien.

 

Meine erste berufs- und lebensentscheidende Lektüre vermitteln mir weder Elternhaus noch Schule. Als Jugendlicher habe ich jegliches Lesen (von Tom-Prox-Heftchen abgesehen) abgelehnt. Meine älteren Geschwister lasen viel und diskutierten klug darüber. Mir war als dem Jüngsten klar, dass ich sowieso keine Chance hatte, mitzuhalten. Die totale Verweigerung ging bis zum 14. Lebensjahr. Nur eine sensationelle Lektüre konnte mich aus der Abwehrhaltung heraus holen.

Auf einer illegalen Müllkippe in Repelen (Moers) fand ich 1952, einsam herum streunend, unter Abfällen ein Groschenheft. Die ersten Seiten fehlten; das Schriftbild versprach einen Cowboy- oder Liebesroman. In zwei, drei Stunden las ich diese Geschichte - die leider ohne Anfang und Ende war -, und weiß heute, dass sie mir eine für immer prägende Vorstellung von dem vermittelt hat, dass hinter den Fassaden von Ereignissen und Lebensgeschichten Geheimnisse zu finden sind; die Geheimnisse der Literatur und weit darüber hinaus!

Die Geschichte in Grundzügen: Eine schwangere russische Fürstin geht mit den Männern im Winter zur Bärenjagd, wartet bei Schlitten und Pferden am Waldrand auf die Rückkehr der Jäger. Da steht plötzlich hoch aufgerichtet ein riesiger schwarzer Bär vor ihr. Sie fällt in Ohnmacht, so finden sie die Männer und rasen mit der bewusstlosen Frau zum Gutshof zurück. Nach Monaten wird ein Sohn geboren. Er wächst als raubeiniger Kerl heran und ist seltsam uninteressiert, eine Frau zur Gemahlin zu nehmen. Bis die Eltern ihn überreden. Die Hochzeit wird mit großem Prunk mitten im Winter gefeiert. Gegen Mitternacht zieht sich das Brautpaar in die oberen Gemächer zurück. Als sich nach mehrmaligem Klopfen am nächsten Tag im Brautgemach nichts rührt, befiehlt die Mutter des Bräutigams, die Türe gewaltsam zu öffnen. Auf dem Bett im eiskalten Raum liegt der nackte Körper der Braut, wie von Krallen schrecklich zugerichtet, ihre Kehle ist durchgebissen. Mutter und Verwandte schleppen sich entsetzt ans offene Fenster und sehen, dass der Bräutigam mit einem gewaltigen Sprung Halt im nächststehenden Baum gesucht hat. Von dort hatte er sich herab gelassen und war, das zeigen die Spuren im Schnee, auf allen Vieren in den Wald getrabt.

Das war meine erste und zugleich wichtigste Begegnung mit der Literatur. Die Elemente von Magie, Unterhaltung und Spannung (hoffentlich nicht auch die literarische Qualität!) wurden für meine Arbeit als Verleger und später als Autor prägend. Dem unbekannten Autor schulde ich großen Dank, ich habe später weder seinen Namen noch den Titel des Heftes herausfinden können.

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