Dieter M. Gräf

Dieter M. Gräf, geb. 1960 in Ludwigshafen / Rhein, Stipendiat in Amsterdam, Berlin und Los Angeles, lebt in Köln. Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt 1997 (Förderpreis 1993); Writer-in-Residence der Deutschen Festspiele in Indien 2001. Intermediale Projekte, zuletzt Tussirecherche (2000), Rauminstallation und Katalog (mit Margret Eicher). Im Suhrkamp Verlag erschienen die Gedichtbände Rauschstudie: Vater + Sohn (1994; es 1888), Treibender Kopf (1997) und Westrand (2002).

 

Wenn es ein Buch gibt, das mich zum Autor gemacht hat, sind es die Gesammelten Gedichte von Brecht, vier orangefarbene Taschenbücher der edition suhrkamp. Ich bin zwar "mitten im Nibelungenlied" aufgewachsen, aber in der pfälzischen Chemiestadt Ludwigshafen am Rhein, als Sohn eines Maschineneinstellers und einer Krankenkassenangestellten, und Bücher spielten keine Rolle in meiner Familie bevor ich welche las, schrieb, und auch ausserhalb meiner Herkunft spielt Literatur da keine Rolle bis zum heutigen Tag. Ich aber bedrängte meinen Vater, der mir schon einige Bücher geschenkt hatte, denn ich las ekstatisch und unersättlich, sein erstes Buchgeschenk war Buddenbrocks in der Ausgabe der gewerkschaftsnahen Büchergilde Gutenberg (jedes Detail kommt mir wie ein Programm vor, das Herr Niemand für mich geschrieben hat), ich bat ihn also, mir diese Kassette zu kaufen, dringlich, denn er war nicht erpicht darauf - weil Brecht Kommunist war, und er rechtschaffener SPD-Wähler. Ich war etwa 15 Jahre alt und las diese Verse in meinem 3K-Möbel-Jugendzimmer im Vorort Maudach, und sehe keinen Unterschied zwischen meiner damaligen Lektüre und der heutigen: von nicht wenigen Gedichten war ich hypnotisiert, begeistert, von Stellen befremdet, auch mal enttäuscht und angeödet. Ich war sofort familiär, intim mit Dichtung, und brauchte keinen, der mir vorgab, was bedeutend ist und was daneben. Ich hatte auch sofort die natürliche Achtung vor diesem großen Mann: war also hin und weg von seinen Jahrhundertgedichten und schüttelte den jungen Kopf, schrieb er Schrott. Der tote Brecht war für mich da, er war also nur nicht mehr in seinem Körper, aber von seiner Energie her unsterblich und für alle abrufbar durch Lesen. Ich hingegen hatte zu sterben, und alles schien sinnlos. Es sei denn, ich würde auch Dichter. Der Beruf war gefunden, denn das Lesen war eh schon mein Glückselexier, dem Tod war der Schrecken genommen, und der Verlag stand auch schon. Zwanzig Jahre nach mir unterschrieb Unseld den Vertrag, und 1994 konnte mein Band in der edition suhrkamp erscheinen, der gelb war. Ich schreibe ja auch ganz anders als Brecht, aber meine Liebe ist geblieben, für die Hauspostille, den grandiosesten Gedichtband unserer Sprache. Vor ein paar Tagen wählte ich daraus ein Gedicht für ein Projekt: das Jahr des Copyrights ist identisch mit meinem Geburtsjahr.

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