Christof Hamann

Geb. 1966 in Ludwigshafen. Studium Germanistik, Soziologie, Philosophie und Geschichte in Freiburg und Berlin. Promotion über New York in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur an der Universität Essen. Haman wurde für seinen Roman Seegfrörne (Steidl-Verlag) mit einem Stipendium der Kunststiftung Baden Württemberg ausgezeichnet und bekam den Förderpreis des Landes NRW 2002.

 

Mein Leben mit Joseph Roth

1
Hiob ist ein baufälliger Mensch, heißt es im Roman von Joseph Roth. Die Kunst meines Erwachsenwerdens bestand darin, diesen Satz vor mir zu verbergen. Indem ich mir vorplapperte, daß der Ärmel, an dem ich meine Brille abwischte, zu mehr taugte. Zu Halt, zu Trost, lebenslänglich. Indem ich laut und lauter wünschte, daß der Sessel, in den ich meinen Hintern quetschte, das Sprungbrett zu Höherem war. Von ganz oben würde der Blick zurückgehen, geradlinig, ohne Schnörkel. Die Sprüche halfen. Sie legten sich so über den Satz, daß er zurücktrat und mir höchstens gelegentlich als Lufthauch um die Fersen fuhr. Jetzt ist er grundlos aufsässig geworden, dieser Hiobssatz, und hat mir die Sprüche, in denen ich ein Nest für mein Leben gebaut hatte, verwüstet. Was blieb mir übrig, als ihn anzunehmen und zu einem Anderen zu werden? Mit Erwartungen, nach wie vor. Erwartungen an Zufälle, die in die Hände gespült werden und dann zwischen ihnen zerrinnen. Erwartungen an Blicke, die so leicht sind, daß ihr Ziel, sobald sich die Augen abwenden, im Vergessen verschwindet. Erwartungen an Landschaften, die sich in tausend Welten zerstreuen. Erwartungen an mich, als kleines, aber unverwüstliches Tier.

2
Der Zeltplatz liegt so sehr am Rand der Stadt, daß er aus ihr herausfallen würde, wären da nicht die Autobahn, der Supermarkt und der Flugplatz. Die rotgrünen Zelte stechen aus dem Gebüsch hervor, und sofort fühle ich mich wie so oft schon an den Wanderzirkus von Joseph Roth erinnert, wo trockene Wäsche leichtsinnig auf einer Schnur weht. Vergebens! Zwischen all den lebensfroh hier festsitzenden Menschen sind die Zitate Vögel, die man nicht halten kann. Und wenn ich auch entmutigt vor den bunten Trainingsanzügen und Transistorradios stolpere, so ahne ich doch, meine Urteile sind allein der mangelnden Phantasie zuzuschreiben, die dem Offensichtlichen die Lust verweigern. Beim einen fällt mir nur tagealter Staub ein und kurz darauf ein Wischtuch. Beim zweiten Autowaschanlage. Beim dritten Chefsessel. Daß ich aus ihnen keine Tiere machen kann, die von ganz woanders kommen, liegt an der Verwandtschaft.

© Christof Hamann

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