Barbara Bongartz

Barbara Bongartz, promoviert in Filmwissenschaft, Autorin mehrerer Romane und Erzählungsbände, u.a. Die Amerikanische Katze, lebt in Berlin.

Was bleibet, aber stiften die Dichter...

...zum Beispiel Verwirrung & Trost.

Es war ein Winterabend, glaube ich, vielleicht auch ein trüber Nachmittag im Frühjahr, als mir ein Artikel über eine amerikanische Dichterin in die Hand fiel, die gerade wiederentdeckt worden war in der Welt und zum zweiten Mal, dieses Mal post mortem, zur Lady of Fashion wurde. Sie brachte mir ein altes Projekt in Erinnerung zurück, das ich mit fünf Jahren, als ich gerade schreiben gelernt hatte, in Angriff nahm, aber aus Gründen, die hier nichts zur Sache tun, völlig vergaß: Schriftstellerin zu werden.
Nachdem ich den Artikel zu Ende gelesen hatte, rannte ich in die nächste Buchhandlung (also muß es ein Wochentag gewesen sein), die das Buch nicht vorrätig hatte, das in dem Artikel so dringend empfohlen wurde, und tatsächlich gab es nur eine einzige in Düsseldorf, die es ständig auf Lager hielt (das sollte sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern, und es hängt damit zusammen, daß das Ehepaar, das die Literaturhandlung führt, um die lebenserhaltende Kraft der Bücher weiß).
Und da las ich sie, die stumme Frage, die ich mir all die Zeit unwißendlich gestellt hatte; fast fünfzig Jahre zuvor hatte sie Djuna Barnes niedergeschrieben: Was spricht die Nacht? Sie tropfte, sie kreischte, sie summte, sie klang, sie weinte und bröckelte aus dem Mund des Gewaltigen-Doktor-Matthew-Mächtig-cum grano salis Dante-O'Connor, des Weltentrösters, selbst eine Camouflage der Welt, tröstend aus dem eigenen Leiden heraus. Aus seinem Mund erfuhr ich auch die Antwort. Hast du... jemals an die sonderbare Polarität von Zeit und Zeit gedacht? Und an den Schlaf...den erschlagenen, weißen Stier?... Schon die Einrichtung des Zwielichts ist eine mythische Nachbildung der Angst... jeder Tag ist vorbedacht... die Nacht aber ist nicht eingeplant... - Nacht: "Hüte dich vor der dunklen Tür."
Es sollte noch Jahre dauern, bis ich Örtliche Leidenschaften - Compilationes schrieb, eine Sammlung von Nachtstücken mit Vortexten und Anmerkungen, ich schrieb sie in seinem Geist, und auch Die amerikanische Katze macht eine tiefe Verbeugung vor dem mythischen Wissen des Doktors.
Nachtgewächs, der große Roman von Djuna Barnes, schon in der ersten Ausgabe verstümmelt, ist leider nie, trotz Lady und Fashion, ein Bestseller geworden. Es hieß, es sei ein unverständliches Buch, wurde zwar zähneknirschend mit Joyce Ulysses verglichen, doch als verwirrend und obszön eingestuft. Dabei ist es voller Trost, und es ist eines der geheimnisvollsten und anregendsten Bücher, das ich je las, und wurde so zu meiner Bibel, ohne die ich nicht auf Reisen gehe und die mich immer, sollte ich einmal wieder mein Projekt vergessen, daran erinnert, warum ich es mit fünf Jahren ins Auge faßte... "Weißt du, was mich zum größten Lügner diesseits des Mondes gemacht hat? Mich, der ich Leuten wie dir meine Geschichte erzähle, um sie von der Todesangst zu befreien, die ihnen in den Eingeweiden sitzt? Um sie zu halten, wenn sie sich am Boden krümmen, die Füße hochziehen und schreien?... Sie schreien: ‚So sag doch etwas, Doktor...!' Und ich rede darauf los wie ein Irrer ... - das und sonst nichts hat mich zu dem Lügner gemacht, der ich bin."
Mich auch.

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