Museumsschreiber Düsseldorf 9 - Literaturbüro NRW e.V.

Museumsschreiber Düsseldorf 9

Feridun Zaimoglu. Goethe-Museum

ISBN: 978-3-934268-75-3
Seiten: 48
Preis: 9,90 €
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NRZ, 11.5.10:

"Kniefall vor Goethe"

auszug

Feridun Zaimoglu

Der Liebhaber-Anwärter

Goethemuseum

 

Die Fähre legte ab, er stand auf dem Promenadendeck in zweiter Reihe, die Fremden hatten sich die Plätze an der Reling erkämpft und fotografierten mit Mobiltelefonen. Sie riefen ihre winkenden Väter und Freunde an der Kaikante an, hielten ihre Kinder hoch, forderten sie schreiend auf, zurück zu winken. Er wich im Gedränge sonnenverrückten Männern aus, sie rupften Brocken aus dem Brot, warfen sie in die Luft, lachten Tränen über die Sturzflugmanöver der Möwen. Der Hafen von Ancona wurde langsam zum Himmelsstrich. Er nahm den Treppenabgang zum ersten Stock, stellte sich am Schalter in die Schlange, tauschte den Ausweis gegen den Kabinenschlüssel. Er ließ sich die Geldkarte mit fünfzig Euro aufladen, ging lange Flure entlang, verirrte sich zunächst auf einen Gang, auf dem Kinder huschten – sie sprachen ihn an, zeigten auf seine Kofferaufkleber, er verstand sie nicht. Nach einiger Suche fand er die Einbettkabine, vor dem Spiegel rieb er sich den Oberkörper mit nassem Lappen ab; das sachte Schaukeln verdroß ihn, es machte ihn müde zu wissen, daß er für die nächsten zwei Tage lauten Menschen ausgeliefert war. Er entnahm der Dokumentenhülle auf dem Tisch das Blatt Papier und las die Sicherheitsvorschriften: Im Falle von Gefahr ertönten sieben lange Signale und ein kurzes Alarmsignal; man wurde gebeten, unverzüglich die Kabine zu verlassen und sich zu den rot markierten Sammelpunkten zu begeben. Er legte sich hin, dachte an die verängstigten Kinder im Gang, lauschte eine Weile dem Lärm der einkehrenden Männer und Frauen. Zum ersten Mal in seinem Leben fuhr er mit der Fähre an die Ägäis, diesmal wollte er eine lange Reise antreten. Ihm fiel der Rat des Fremden ein, der ihn vor der Abfahrt auf englisch angesprochen hatte: Die Tische auf dem Sonnendeck waren begehrt, er sollte um einen Tisch kämpfen, sonst würde man ihn für einen willenlosen Mann halten, für einen kraftlosen Passagier, für eine weiche korrupte Seele. Tatsächlich kamen ihm die Fremden wie arbeitslose Söldner vor, einem allein reisenden Mann trauten sie nicht, sie klopften sich auf den Bauch, kniffen in den Hüftspeck, machten seltsam heftige Bewegungen. Er stand auf, zog ein frisches Hemd an, schlüpfte in das Sommerjackett. Ein passierender Frachter, ein passierender Zollkreuzer, er schaute blind hin. An Deck ging er zwischen den Tischen, nahm auf dem Campingstuhl Platz, legte die Tasche auf dem Boden zwischen seinen Füßen ab. Der Fremde hatte ihm geraten, jungen Familienvätern nicht zu trauen, sie wären in der Lage, jede herrenlose Börse abzugreifen. [...]

 

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