Museumsschreiber Düsseldorf 3 - Literaturbüro NRW e.V.

Museumsschreiber Düsseldorf 3

Martin Mosebach. Kunstsammlung NRW K20

ISBN: 978-3-934268-52-4
Seiten: 48
Preis: 9,90 €
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Rezension

WZ, 02.10.07:

Mosebach hat mit einem kleinen, aber hochkarätigen Essay reagiert, in dem er sich auf sieben Gemälde und Künstler einlässt... subtile Worte des raffinierten und kunstsinnigen Autors Mosebach.

auszug

Martin Mosebach

„Bilder einer Ausstellung“

Ein Rundgang durch die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

im Juni 2007

 

Der Rundgang beginnt

 

Tageslichtsäle habe die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, aber warum gleicht dann das Licht in ihnen nicht anderen Sälen mit einer Glasdecke, durch die mehr oder weniger gefiltert Tageslicht einfällt? Sind es nur die weißen Wände, die das Licht zurückwerfen und im Besucher die Empfindung der Blendung erzeugen? Ist es der Eindruck der Schattenlosigkeit, der der Stimmung in diesen Sälen etwas Unwirkliches verleiht? Ist es nicht, als bewege man sich durch leuchtenden Schnee? Welche Öl- oder Aquarellfarbe, wie kunstvoll auch immer auf der Leinwand präsentiert, wird das gefährliche milde Leuchten dieser Glasdächer erreichen können? In der Erinnerung scheint man wie auf dicken Filzpantoffeln durch die Säle geglitten zu sein, so sehr verbindet sich die Überhelle mit dem Gefühl von Lautlosigkeit. Die Bilder schweben gleichsam in weißer Watte. Im schlackenlosen Licht erscheinen sie alt geworden. Wir kennen Photographien der Ateliers, in denen sie entstanden sind: romantisch chaotische Räumlichkeiten, mit einem zersprungenen Marmorkamin oder einem großen Eisenofen, mit Staffeleien, die von Farbe bekleckert sind, mit an die Wände gepinnten Reproduktionen und Bildchen, mit kassettierten Türen, die schief in den Angeln hängen, mit spanischen Wänden und einer Waschschüssel. Auf unwägbare Weise hängt diesen Bildern noch etwas an von den Umständen, unter denen sie gemalt wurden, ihr Hervorgehen aus der Welt, deren Ende sie bedeuteten. Es war die große Überraschung in den Sälen der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, daß in ihnen die Bilder der „klassisch“ genannten Moderne viel weniger das Neue sehen ließen, das sie einst ohne jeden Zweifel besessen hatten, sondern daß sie nun plötzlich historisch erschienen, als

Boten einer Zeit, gegen die sie sich wandten, der sie aber dennoch angehörten. Mehr jedenfalls als der desinfizierten Überhelle, in der sie jetzt, aus den alten Zusammenhängen herausgerückt wie Ausgrabungsgegenstände, ausgestellt wurden, oder gar: in die hinein sie ausgesetzt waren.

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