Museumsschreiber Düsseldorf 10 - Literaturbüro NRW e.V.

Museumsschreiber Düsseldorf 10

Judith Kuckart. Theatermuseum

ISBN: 978-3-934268-82-1
Seiten: 48
Preis: 9,90 €
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Judith Kuckart

HAUPTSACHE NYLONKITTEL

Theatermuseum

Katharina (39)

 

Ich habe Tanzen gelernt und vier Kinder groß werden sehen. Ich habe Lippenstiftentzug geübt und noch immer keine ausreichende Rentenvorsorge organisiert. Ich habe vier Kotflügel kaputt gefahren und bin in den letzten Jahren immer mehr Wege zu Fuß und allein gegangen. Ich habe Schaufenster leer geguckt, ich habe mir schließlich doch die Crème für die reifere Haut gekauft und angefangen, mich in Gelassenheit zu üben, bevor die Kinder mich zur Großmutter machen. Ich habe mal in Gorle­ben demonstriert und Pershings blockiert, und seit neuestem frage ich mich, ob ich alt werde, weil ich Witze vergesse. Ich habe Menschen sterben sehen, trotzdem weiter Schuhe zum Schuster gebracht und gedacht: So ist das eben. Alle leben so.

Sie las heimlich mit, was die Frau im Zug vor ihr schrieb.

Ich werde vierzig!

Die Frau malte ein großes Ausrufezeichen, das aber verwackelte, weil der Zug abrupt auf freier Strecke hielt. Das Kind der Frau schaute überrascht über die Kopfstütze nach hinten, als hätte Katha­rina so scharf gebremst.

Du weinst ja, sagte es auf Schweizerdeutsch, und seine Mutter murmelte auf Französisch: Halt den Mund.

Katharina fasste sich ins Gesicht. Es war trocken. Sie setzte die Sonnenbrille auf.

Wie heißt du?

Katharina.

Was?

Jaja, Katharina oder auch Katrin, Kaja, und Kata, so hatte die eine Großmutter sie genannt, die aus Budapest stammte. Tinka hatte die andere sie genannt, die von der schwäbischen Alb kam. Käthe hat sie Tante Tine gerufen, bestimmt, weil sie selber unverheiratet geblieben war und der Nichte ein ähn­lich sorgenfreies Leben ohne Männer gewünscht hatte. War Katharina wegen der vielen Namen Schauspielerin geworden?

Hast du Kummer? fragte das Kind. Es war fünf oder sechs oder sieben.

Wer hat dir denn dieses Wort beigebracht? fragte Katharina.

Das Kind streckte ihr die Zunge heraus.

Gott, sagte es. [...]

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