Museumsschreiber NRW 4 - Literaturbüro NRW e.V.

Museumsschreiber NRW 4

Markus Orths. Max Ernst Museum Brühl des LVR

ISBN: 978-3-944011-16-5
Seiten: 48
Preis: 9,90 €
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Rezension
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ICH SELBST DURCH EIN TEMPERAMENT GESEHEN

Der Papagei I

Am Anfang war der Papagei. Ich besitze ihn, er mich. Der Papagei ist nicht frei, wenn er im Käfig steckt. Lass ich ihn raus, kommt er geflogen, setzt sich mir auf die Schulter, zwickt mich ins Ohr, ins rechte Ohr, immer ins rechte Ohr, weiß nicht, weshalb, die rechte Schulter ein magischer Anziehungspunkt. Ich höre, was er will. Als könnte ich sie verstehen, die Sprache der Vögel. Es ist ein knirschendes Tschilpen ohne Worte. Der Sinn liegt im Klang, nicht in der Bedeutung. Er wärmt mich.

Seine Flügel sind lebendige Tücher, die ab und an wirbeln, sein Schnabel, die Nase des Vogels, auf und zu und zu und auf, ein Schnäbeln, Nabel, Näbeln, Nebeln, und ich sehe es vor mir: Wie ich aufstehe, wie ich die Treppe hinuntersteige, ein neuer Tag, in die Küche gehe ich, meine Mutter ist nicht da, nur der ewige Küchen-Reibekuchenduft liegt in der Luft, mein Vater ist nicht da, ein Taubstummenlehrer, ein zeichnender, malender Lehrer für Menschen, die nicht sprechen, nicht hören können. Etwas ist geschehen, von dem ich noch nichts weiß, doch ehe ich Nachricht erlange, bin ich a llein. Gehe ins Wohnzimmer, bin allein im Wohnzimmer. Irgendwas stimmt hier nicht. Ich öffne den Käfig und will ihn rausholen, den Papagei, und wie ich ihn rausholen will, befreien aus seinem Gittergefängnis, da liegt er dort, dort, dort, ja, dort unten, in der Streu, hingestreut, die Flügel, die heben sich nicht mehr, der Schnabel, der öffnet sich nicht mehr, die Äuglein, die blinzeln nicht mehr rund, der Papagei, ich rufe Papa, Papa rufe ich, und traue mich nicht, den Freund aus dem Käfig zu nehmen, aber Papa kommt nicht, nicht zu mir, nicht zum P apagei, er kommt nicht, der Papa kommt nicht, und der Papagei kommt nicht mehr zu sich, nie mehr zu sich, und ich nehme den Käfig herunter, der an einer Kette baumelnd im Wohnzimmer hängt.

Sekunden zuvor wusste ich noch nicht, was dieses Wort bedeutet, das widerlich- hässliche Wort mit den drei mickrigen, lächerlichen Buchstaben, das T und das O und das D, und ich öffne die Käfigtür und begreife endlich das Wort, und ich blase langsam und sacht auf den Körper, will ihm Leben einhauchen mit dem Atem, der mir bleibt, und den die große Träne, die in mir steckt, noch nicht geschluckt hat [...]

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