Museumsschreiber NRW 1 - Literaturbüro NRW e.V.

Museumsschreiber NRW 1

Martin Baltscheit. Wallraf-Richartz-Museum Köln

ISBN: 978-3-944011-01-1
Seiten: 48
Preis: 9,90 €
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Rezension
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WENN ICH GELD HÄTTE, WÜRDE ICH ES KAUFEN
Das Wallraf-Protokoll

Wer das liest – ist tot. Wer das jemandem vorliest – stirbt zweimal. Wer weitererzählt, was er gelesen oder gehört hat, stirbt auch. Niemand darf das lesen. Wenn du hier angekommen bist, hör auf zu lesen. Lass es. Geh weg und tu, als wäre nichts gewesen. Geh nach Hause und wasch dein Auto, hol Zigaretten oder trag den Müll raus. Dieses Protokoll ist nicht für dich. Es ist Luft. Atemluft. Meine Atemluft. Aufgeschriebene persönliche Atemluft und ich sag es zum letzten Mal: Wenn du das liest und du bist nicht ICH, bist du schneller tot, als ein Punkt braucht, um einen Satz zu beenden.

Die Stöcker war mit uns im Museum. Wir hassen die Stöcker. Wir hassen sie, seitdem sie an der Schule ist. Die Stöcker will was aus uns machen, für die sind wir Lehm, sie will uns formen, mit Daumen und Zeigefinger so lange drücken und quetschen, bis ihr gefällt, was sie sieht. Dann will sie uns brennen und wir sollen unser Leben lang so bleiben. Die Stöcker zerstört meinen Alltag, meine Zukunft, mein gemütliches Ich trage meinen Arsch von hier nach da und bin glücklich. Sie hat Schuld, wenn sich was verändert. Veränderungen gehen meistens schief. Es fühlt sich nicht gut an, wenn du was wagst und auf die Schnauze fällst. Ich will nicht fallen, und vor allem will ich nicht auffallen. Ich gehe gerne unter, muss niemanden sehen und will am allerliebsten übersehen werden. Es ist leichter so – mit nichts in der Hand. Mein Vater lebt mit nichts, seitdem er auf der Welt ist. Der war noch nie im Museum. Warum ich?

Mein Vater ist sein Leben lang dumm und kommt klar damit, er spricht nach vierzig Jahren immer noch deutsch, wie andere nach vierzig Stunden. Er mümmelt vollkommen unverständliches Zeug, fährt die Leute im Taxi spazieren und textet sie zu mit Nuschel, und keiner sagt was. Ich frage mich, warum ihn keiner anschreit: »Ey, bist du bescheuert? 40 Jahre und kein vollständiger Hauptsatz!« Aber sie schreien nicht, weil mein Vater immer den kürzesten Weg fährt und allen erzählt, er läge niemandem auf der Tasche: »Leben ist Arbeit – reich mache nur Lotto – Arbeit für gute Leben.« Mein Vater erklärt den ganzen Tag die sieben Planeten und findet die Richtung, und keiner versteht ihn, und alle denken, er hat eine dicke Zunge oder kaut auf einem Brötchen. Er denkt, sie mögen ihn. Ich sage meinem Vater nicht, was sie wirklich denken. Er ist Baba, mein Vater, und ich bin Cem, sein Sohn. Cem Sözer. Aber meine Eltern sagen nicht Cem, sie sagen Dagˇ. Dagˇ heißt Berg. Papa sagt: »Dagˇ, geh in Wolken und hol Sonne, dann geh in Kühlschrank und hol Bier für Baba.« Baba darf alles. Alles trinken und alles sagen. Aber nicht alles lesen. Kann er lesen?

Er hat einen Führerschein, vielleicht kann er lesen. Das hier soll er nicht lesen. Mein geheimes Protokoll. Wenn er das [...]

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